Automobilindustrie Vom digitalen Zwilling zum Wettbewerbsvorteil

Von Robert Bray 5 min Lesedauer

Anbieter zum Thema

Die Automobilindustrie muss Fabriken schneller, flexibler und effizienter machen. Dafür reicht es nicht, einzelne Prozesse zu digitalisieren. Entscheidend ist, Planung, Produktion und Betrieb zu verbinden. Der digitale Zwilling schafft dafür den nötigen Kontext und eröffnet gemeinsam mit KI neue Wege, Fabriken vorausschauend zu steuern.

Die digitale Fabrik der Zukunft verbindet Planung, Entwurf, Bau, Produktion, Wartung und Optimierung miteinander, anstatt diese als separate Software-Phasen zu behandeln.(Bild:  Autodesk)
Die digitale Fabrik der Zukunft verbindet Planung, Entwurf, Bau, Produktion, Wartung und Optimierung miteinander, anstatt diese als separate Software-Phasen zu behandeln.
(Bild: Autodesk)

Ein modernes Automobilwerk ist nicht bloß ein Produktionssystem. Es ist eine komplexe physische Umgebung, in der Architektur, Ingenieurwesen, Bauwesen, Fertigung, Logistik, Instandhaltung, Arbeitssicherheit und Energieeffizienz zusammenspielen. Wenn diese Bereiche fragmentiert bleiben, führt dies nicht nur zu technischer Komplexität. Es führt auch zu langsameren Entscheidungsprozessen, weniger reibungslosen Übergaben zwischen den Projektphasen und geringerer Flexibilität, falls sich Rahmenbedingungen ändern. In einem Markt wie Deutschland, in dem die Wettbewerbsfähigkeit zunehmend von Arbeitskräftemangel, Kosten- und Anpassungsdruck beeinträchtigt wird, führt diese Fragmentierung zu einem strategischen Problem.

Konvergenz wird zum eigentlichen Produktivitätshebel

Entscheidend ist nicht nur die Verbindung von digitalen und physischen Systemen, sondern auch die Verbindung von Planung, Bau, Betrieb, Entwurf und Fertigung. Für Automobilunternehmen ist deshalb der wertvollste digitale Zwilling der, der Informationen von der Planung über die Umsetzung bis in den laufenden Betrieb mitnimmt. Die Erkenntnisse aus der Praxis können dann wieder zurückfließen, um Entwürfe zu aktualisieren und zu verbessern. Deshalb gilt: Eine Fabrik ist in vielerlei Hinsicht ein hochkomplexes Gebäude. Wer sie nur als Produktionsanlage betrachtet, greift bei der Optimierung zu kurz. Versteht man die Fabrik hingegen als vernetzte Umgebung über den gesamten Lebenszyklus hinweg, wird die digitale Fabrik zu einer Grundlage für bessere Entscheidungen – von Standortplanung und Layout über Inbetriebnahme, Durchsatz und Instandhaltung bis hin zu späteren Erweiterungen.

Nicht Datenmangel ist das Problem, sondern fehlender Kontext

Anlagenpläne, Telemetriedaten, Wartungsdaten, Anlagendaten und Prozessinformationen schaffen einen höheren Mehrwert, wenn sie in einer kontextbezogenen Entscheidungsumgebung miteinander verknüpft werden.(Bild:  Autodesk)
Anlagenpläne, Telemetriedaten, Wartungsdaten, Anlagendaten und Prozessinformationen schaffen einen höheren Mehrwert, wenn sie in einer kontextbezogenen Entscheidungsumgebung miteinander verknüpft werden.
(Bild: Autodesk)

Die größte Herausforderung liegt dabei oft bei den Daten. Den meisten Betreibern fehlt es nicht an Informationen. Im Gegenteil: Sie haben zu viele Informationen, die nicht miteinander verbunden sind. Layouts, Laserscans, Modelle, Anlagenstammdaten, Instandhaltungssysteme, Maschinendaten, Steuerungsdaten und Prozessinformationen existieren häufig nebeneinander, ohne in einen gemeinsamen Kontext gebracht zu werden. Dadurch arbeiten Teams weiterhin mit unvollständigem Wissen.  

In der Fertigung werden die Folgen schnell sichtbar. Stillstände sind dafür eines der deutlichsten Beispiele – und die finanziellen Auswirkungen können erheblich sein. So wurde auf dem „Automotive Innovation Forum 2026“ in Darmstadt darüber berichtet, dass Betreiber während ungeplanter Ausfallzeiten teils Umsatzverluste von rund 260.000 US-Dollar pro Stunde verzeichnen. Ob diese Zahl in einem bestimmten Werk höher oder niedriger liegt, ist dabei nicht der entscheidende Punkt. Entscheidend ist: Fehlender Kontext kostet Geld.

Genau hier verändert sich die Rolle des digitalen Zwillings. Lange wurden Digital Twins vor allem als Visualisierungstool verstanden. Heute liegt ihr größerer Wert im operativen Einsatz. Ein digitaler Zwilling ist dann besonders wirkungsvoll, wenn er Teams nicht nur zeigt, was passiert, sondern auch wo es passiert, womit es zusammenhängt, welche Folgen entstehen können und welche Handlungsoptionen bestehen. Dadurch lassen sich Erkenntnisse schneller in Maßnahmen übersetzen. Teams können entstehende Probleme früher erkennen, passende Gegenmaßnahmen ableiten und eingreifen, bevor diese Probleme die Produktion beeinträchtigen. In der Automobilindustrie wirkt sich dieser Kontext direkt auf Durchsatz, Qualität, Sicherheit und Flexibilität aus.

Warum KI in der Fabrik mehr ist als ein weiterer Assistent

Künstliche Intelligenz kann diesen Wandel beschleunigen – aber nur, wenn sie die Realität industrieller Umgebungen berücksichtigt. In der Fabrik liegt der Wert von KI nicht allein in Spracherkennung oder dem Zusammenfassen von Informationen. Ihr eigentlicher Nutzen entsteht dort, wo sie fragmentierte Daten in verwertbaren Kontext übersetzt, die Flut an Dashboards reduziert und schnellere operative Entscheidungen ermöglicht.

Jetzt Newsletter abonnieren

Verpassen Sie nicht unsere besten Inhalte

Mit Klick auf „Newsletter abonnieren“ erkläre ich mich mit der Verarbeitung und Nutzung meiner Daten gemäß Einwilligungserklärung (bitte aufklappen für Details) einverstanden und akzeptiere die Nutzungsbedingungen. Weitere Informationen finde ich in unserer Datenschutzerklärung. Die Einwilligungserklärung bezieht sich u. a. auf die Zusendung von redaktionellen Newslettern per E-Mail und auf den Datenabgleich zu Marketingzwecken mit ausgewählten Werbepartnern (z. B. LinkedIn, Google, Meta).

Aufklappen für Details zu Ihrer Einwilligung

Ein Anlagenbetreiber braucht nicht noch eine weitere isolierte Oberfläche. Er muss verstehen, welche Anlagen nicht ausgelastet sind, wo sich ein Fehlermuster abzeichnet, welcher Eingriff die geringsten Auswirkungen auf nachgelagerte Prozesse hat und wie sich die Produktion stabilisieren lässt, wenn eine kritische Maschine ausfällt. Das ist eine andere Aufgabe als bei Konsumenten-KI. Sie erfordert Geometrie, Systemverständnis, Prozesslogik und die Fähigkeit, Informationen über verschiedene Umgebungen hinweg miteinander zu verknüpfen.

Genau hier wird die Rolle von Autodesk besonders relevant. Die Branchen, die der Softwareanbieter adressiert, haben keinen Datenmangel. Die Herausforderung besteht darin, diese Daten so miteinander zu verbinden, dass ein sinnvoller Datenkontext entsteht, aus dem KI konkrete Handlungsmöglichkeiten ableiten kann. KI ersetzt diese Systeme nicht, sie ist auf diese angewiesen.

Für die Automobilindustrie ist dieser Kontext besonders wichtig, weil der Anpassungsdruck hoch ist. Neue Antriebskonzepte, Batterieproduktion, veränderte Lieferketten und kürzere Produktzyklen erfordern deutlich flexiblere Werke. In diesem Umfeld reicht reaktive Optimierung nicht mehr aus. Prädiktive Optimierung ist ein Fortschritt, aber noch nicht die ganze Antwort. Die größere Chance liegt darin, einen vernetzten operativen Kontext zu schaffen, in dem Simulation, Monitoring, Produktionsdaten und Instandhaltungswissen kontinuierlich zusammenspielen. Erst dann kann ein Werk nicht nur auf Ereignisse reagieren, sondern aus ihnen lernen.

Eine intelligente Betriebsphase ermöglichen

Deshalb investiert Autodesk stärker in die Betriebsphase. Mit der neu geschaffenen Geschäftseinheit Autodesk Operations Solutions bündelt der Anbieter Lösungen wie Tandem, FlexSim, Fusion Operations und Factory Design Utilities und schafft so eine klarere strategische Ausrichtung. Dabei geht es nicht darum, eine weitere isolierte Softwareebene zu schaffen. Es geht darum, Kunden dabei zu unterstützen, ihre Anlagen mit intelligenten Lösungen zu betreiben und zu optimieren.

Ein gutes Beispiel dafür liefert Viessmann Climate Solutions. Mit einem integrierten Fabrikmodell konnte das Unternehmen Fehlerkosten um bis zu 50 Prozent senken. Dieses Ergebnis ist nicht nur deshalb relevant, weil es messbar ist. Es zeigt auch einen Grundsatz für die deutsche Industrie: Der Wert einer digitalen Fabrik entsteht nicht allein durch ein 3D-Modell. Er entsteht durch eine Entscheidungsumgebung, in der Kontext über den gesamten Lebenszyklus hinweg geschaffen, geteilt und genutzt wird.

Das ist die nächste Entwicklungsstufe der digitalen Fabrik. Es geht nicht nur darum, Betriebsabläufe intelligenter zu visualisieren. Es geht darum, die Fabrik verständlicher, einfacher steuerbar und anpassungsfähiger zu machen – indem wir das Wissen aus dem Betrieb mit den Entscheidungen verbinden, die Design, Planung und künftigen Anlagenbau verbessern. In der Automobilfertigung, in der die Komplexität steigt und Margen unter Druck geraten, ist dieser Ansatz keine Zukunftsvision mehr. Er wird zur Voraussetzung für Wettbewerbsfähigkeit.

Robert Bray ist Vice President Autodesk Tandem.