Verbindungstechnik Interview: Produktzulassungen als Wettbewerbsvorteil

Von Redaktion 3 min Lesedauer

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Warum Produktzulassungen längst kein nachgelagerter Formalprozess mehr sind, sondern bereits in der Entwicklung über den Markterfolg entscheiden, erläutert Christian Latte, Head of Technical Compliance und Zulassungsbeauftragter beim Verbindungstechnikhersteller Hummel, im Interview.

Christian Latte ist Head of Technical Compliance und Zulassungsbeauftragter (ZulB) bei der Hummel AG.(Bild:  Hummel)
Christian Latte ist Head of Technical Compliance und Zulassungsbeauftragter (ZulB) bei der Hummel AG.
(Bild: Hummel)

Digital Engineering Magazin (DEM): Produktzulassungen gelten in vielen Unternehmen noch immer als notwendiges Übel. Sie vertreten die These, dass Zulassungen ein strategischer Wettbewerbsvorteil sein können. Wie ist das zu verstehen?

Christian Latte: In der Praxis werden Zulassungsanforderungen häufig erst sehr spät im Entwicklungsprozess berücksichtigt. Oft erst, wenn ein Produkt konstruktiv bereits abgeschlossen ist. Das ist aus unserer Sicht ein zentraler Fehler. Produktzulassungen beeinflussen nicht nur formale Aspekte, sondern haben direkten Einfluss auf Konstruktion, Materialauswahl und die eingesetzte Verbindungstechnik. Wer regulatorische Vorgaben und technische Standards frühzeitig einbezieht, vermeidet aufwändige Nacharbeiten, reduziert Entwicklungsrisiken und verkürzt die Zeit bis zur Markteinführung. In diesem Sinne sind Zulassungen kein Hemmnis, sondern ein klarer Wettbewerbsvorteil.

DEM: Welche Rolle spielt dabei der internationale Marktzugang?

Christian Latte: Der internationale Marktzugang ist heute deutlich komplexer als noch vor einigen Jahren. Neben regulatorischen Vorgaben sind unterschiedliche technische Normen, rechtliche Rahmenbedingungen und nationale Zertifizierungsprogramme zu berücksichtigen. Märkte wie Europa, Nordamerika oder Asien stellen sehr unterschiedliche Anforderungen an Produkte und deren Komponenten. Werden diese Unterschiede unterschätzt, kann das zu erheblichen Verzögerungen oder sogar zum Ausschluss einzelner Märkte führen. Eine klar definierte Zulassungsstrategie ist deshalb eine wesentliche Voraussetzung für nachhaltiges internationales Wachstum.

DEM: Sie sagen: Globaler Marktzugang beginnt nicht im Vertrieb, sondern in der Entwicklung. Was bedeutet das konkret für Konstrukteure und Entwickler?

Christian Latte: Konstrukteure und Entwickler legen früh fest, welche Märkte mit einem Produkt bedient werden können. Die Auswahl von Komponenten mit begrenztem oder fehlendem Zulassungsspektrum kann den Marktzugang erheblich einschränken. Umgekehrt ermöglichen Verbindungslösungen mit internationalen Zulassungen, etwa für Europa, Nordamerika und ausgewählte asiatische Märkte, eine deutlich höhere Flexibilität. Deshalb sollten Zielmärkte, relevante Normen und regulatorische Anforderungen bereits zu Beginn der Entwicklung definiert werden. Eine nachträgliche Anpassung ist meist deutlich aufwändiger.

DEM: Welche internationalen Produktzulassungen sind aus Ihrer Sicht besonders relevant?

Globaler Marktzugang beginnt in der Entwicklung. HUMMEL mit Zertifizierungen für zentrale Industriemärkte.(Bild:  Hummel)
Globaler Marktzugang beginnt in der Entwicklung. HUMMEL mit Zertifizierungen für zentrale Industriemärkte.
(Bild: Hummel)

Christian Latte: Das ist stark vom jeweiligen Zielmarkt abhängig. In Europa spielen unter anderem die CE-Kennzeichnung, UKCA für den britischen Markt sowie Zertifizierungen wie VDE oder DNV eine Rolle. Für den eurasischen Raum ist die EAC-Zertifizierung relevant, die je nach Produktkategorie unterschiedliche Programme umfasst. In Nordamerika sind UL- und CSA-Zulassungen maßgeblich, wobei zwischen Anwendungen in Ordinary Locations und Hazardous Locations unterschieden wird. In Asien kommen spezifische nationale Programme hinzu, etwa CCC in China oder KCs-Zertifizierungen in Südkorea. Entscheidend ist, diese Anforderungen nicht isoliert zu betrachten, sondern in eine übergreifende Zulassungsstrategie einzubetten.

DEM: Das klingt nach erheblicher Komplexität. Wo sehen Sie die größten Herausforderungen für Hersteller?

Christian Latte: Eine zentrale Herausforderung ist die Dynamik der regulatorischen Anforderungen. Normen und Zertifizierungsprogramme entwickeln sich kontinuierlich weiter, zudem unterscheiden sich Prüfverfahren, Kennzeichnungen und Dokumentationspflichten je nach Markt erheblich. Hinzu kommen regionale Besonderheiten, etwa die Notwendigkeit lokaler Vertreter oder zusätzlicher Werksinspektionen. Ohne fundiertes technisches und regulatorisches Fachwissen kann dies schnell zu Fehlentscheidungen führen. Umso wichtiger ist es, frühzeitig Transparenz über relevante Anforderungen zu schaffen.

DEM: Welche Rolle übernimmt Hummel in diesem Kontext?

Christian Latte: Als Hersteller von Kabelverschraubungen und Rundsteckverbindern für unterschiedlichste Anwendungen beschäftigen wir uns seit vielen Jahren intensiv mit internationalen Produktzulassungen. Unsere Lösungen kommen unter anderem in industriellen Anwendungen, der Schifffahrt und in explosionsgefährdeten Bereichen zum Einsatz. Entsprechend hoch sind die Anforderungen an Normenkonformität und Sicherheit. Dieses Wissen geben wir auch weiter, beispielsweise in Fachvorträgen und Webinaren, in denen wir Zulassungsstrategien, regionale Besonderheiten und aktuelle Entwicklungen beleuchten.

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DEM: Ein weiterer Aspekt ist die Standardisierung. Reicht diese heute noch aus, um internationale Märkte zu bedienen?

Normenkonforme Verbindungstechnik als Wettbewerbsfaktor: Kabelverschraubung von Hummel.(Bild:  Hummel)
Normenkonforme Verbindungstechnik als Wettbewerbsfaktor: Kabelverschraubung von Hummel.
(Bild: Hummel)

Christian Latte: Internationale Standards, etwa auf Basis von IEC-Normen, sind eine wichtige Grundlage und erleichtern den Marktzugang erheblich. Sie ersetzen jedoch nicht die Berücksichtigung nationaler Anforderungen. Viele Länder bauen zwar auf internationalen Normen auf, ergänzen diese jedoch um eigene Zertifizierungsprogramme oder zusätzliche Prüfungen. Erfolgreicher globaler Marktzugang erfordert daher beides: ein solides Fundament aus internationalen Standards und ein detailliertes Verständnis der jeweiligen nationalen Regularien.

DEM: Was raten Sie Unternehmen, die ihre Wettbewerbsfähigkeit langfristig sichern möchten?

Christian Latte: Unternehmen sollten Produktzulassungen als integralen Bestandteil ihrer Produkt- und Entwicklungsstrategie verstehen. Eine frühzeitige Auseinandersetzung mit Zielmärkten, regulatorischen Vorgaben und technischen Standards erhöht die Planungssicherheit, reduziert Risiken und beschleunigt den Markteintritt. Angesichts zunehmender regulatorischer Komplexität ist eine proaktive Informationsbeschaffung heute wichtiger denn je.

DEM: Herr Latte, vielen Dank für das Interview.