Von der Mikrostruktur zum Bauteil Verbundwerkstoffe numerisch homogenisieren

Ein Gastbeitrag von Amit Suresh Patil 4 min Lesedauer

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Wie lassen sich komplexe Verbundwerkstoffe effizient berechnen? Die numerische Homogenisierung ermittelt effektive Materialkennwerte für präzise Bauteilanalysen.

Das Modell zeigt, wie Verbundwerkstoffe im Windradblatt aufgebaut sind und welche Spannungsverläufe die Simulation in Comsol Multiphysics ergibt.(Bild:  Comsol)
Das Modell zeigt, wie Verbundwerkstoffe im Windradblatt aufgebaut sind und welche Spannungsverläufe die Simulation in Comsol Multiphysics ergibt.
(Bild: Comsol)

Verbundwerkstoffe bieten Leichtbaupotenzial für Luftfahrt bis Bauwesen, sind aber schwer zu berechnen. Die komplexe Mikrostruktur lässt sich selten direkt abbilden. Hier helfen Homogenisierungsverfahren: Sie ermitteln aus einer Elementarzelle effektive Materialeigenschaften für makromechanische Analysen. So lassen sich Verbundwerkstoffe effizient auf Steifigkeit oder thermisches Verhalten auslegen.

Verbundwerkstoffe von der Mikro- zur Makroebene homogenisieren

Die Homogenisierung behandelt heterogene Verbundwerkstoffe auf der Mikroebene als homogen oder pseudohomogen auf der Makroebene. Sie dient dazu, die Eigenschaften eines bekannten Verbundwerkstoffs zu berechnen oder einen Werkstoff gezielt zu optimieren. Neben analytischen Verfahren wie der Mischungsregel kommen numerische Verfahren auf Basis sich wiederholender Elementarzellen (RUCs) oder repräsentativer Volumenelemente (RVEs) zum Einsatz. Im Folgenden steht die Finite-Elemente-Homogenisierung im Mittelpunkt.

Die numerische Modellierung bietet eine genaue und kostengünstige Möglichkeit, die Materialeigenschaften von Verbundwerkstoffen zu untersuchen.

Numerische Homogenisierung von Verbundwerkstoffen in vier Schritten

Die numerische Modellierung bietet eine genaue und kostengünstige Möglichkeit, die Materialeigenschaften von Verbundwerkstoffen zu untersuchen. Die Homogenisierung umfasst vier Hauptschritte. Zunächst wird eine Geometrie des Materials unter Verwendung einer RUC oder eines RVE erstellt. Anschließend werden den einzelnen Bestandteilen die entsprechenden Materialeigenschaften zugewiesen. Periodische Randbedingungen auf der RUC-Geometrie beziehungsweise homogene Randbedingungen auf der RVE-Geometrie ermöglichen es, die gesamte Struktur durch eine einzige Zelle zu repräsentieren. Danach lassen sich die homogenisierten Materialeigenschaften berechnen und visualisieren.

Vom analytischen Ansatz zur numerischen Validierung

Unidirektionale Faser-Verbundwerkstoffe finden aufgrund ihrer einfachen Struktur in vielen Anwendungsbereichen breite Verwendung. Analytische Homogenisierungsmodelle wie Voigt-Reuss, Chamis und Halpin-Tsai können ihre effektiven elastischen und thermischen Eigenschaften abschätzen. Obwohl diese Modelle einfach anzuwenden sind, sollten ihre Ergebnisse anhand numerischer Methoden validiert werden.

Bei der numerischen Homogenisierung werden die effektiven Eigenschaften über periodische Randbedingungen auf einer sich wiederholenden Elementarzelle ermittelt. Der Vergleich mit analytischen Ansätzen zeigt, dass Elastizitätsmodul und Wärmeausdehnungskoeffizient in Längsrichtung häufig gut übereinstimmen, in Querrichtung jedoch erheblich voneinander abweichen können. Der Grad der Übereinstimmung in Längsrichtung hängt zudem vom Poisson-Koeffizienten ab. Das verdeutlicht die Grenzen analytischer Modelle und ihrer inhärenten Näherungen.

Die Methode lässt sich auch auf Materialien ausweiten, deren Eigenschaften von der Betriebstemperatur abhängen. Ein Beispiel sind Keramikverbundwerkstoffe in Verbrennungsauskleidungen oder Abgasdüsen von Flugzeugen. Diese Bauteile sind erheblichen Temperaturschwankungen ausgesetzt, die zu Schäden oder Ausfällen führen können. Die numerische Modellierung ermöglicht es, effektive Materialeigenschaften als Funktion der Temperatur zu berechnen und damit zuverlässigere Konstruktions- und Leistungsvorhersagen zu erhalten.

Partikelverbundwerkstoffe eignen sich für Anwendungen, die hohe Steifigkeit und thermische Stabilität sowie eine geringe Anfälligkeit für Delaminierung und Rissausbreitung erfordern. Ein Beispiel ist ein Aluminium-Siliziumkarbid-Verbundwerkstoff für Flugzeugstrukturen. Ist eine elastische Partikelphase in eine viskoelastische Matrix eingebettet, lassen sich die effektiven viskoelastischen Eigenschaften durch periodische Randbedingungen in Verbindung mit Optimierungsverfahren bestimmen.

Die Einheitszelle einer Verbundwerkstoffe-Gyroid-Struktur dient als Grundlage, um die homogenisierten Materialeigenschaften für makroskopische Simulationen zu ermitteln.(Bild:  Comsol)
Die Einheitszelle einer Verbundwerkstoffe-Gyroid-Struktur dient als Grundlage, um die homogenisierten Materialeigenschaften für makroskopische Simulationen zu ermitteln.
(Bild: Comsol)

Intelligente Verbundwerkstoffe mit piezoelektrischen Eigenschaften

Technologische Fortschritte haben die Nachfrage nach intelligenten Verbundwerkstoffen erhöht. Sie enthalten piezoelektrische Bestandteile und eignen sich etwa für Sensoren, Aktuatoren, Energy Harvesting und die Zustandsüberwachung von Bauwerken. Ihre numerische Analyse erfordert homogenisierte piezoelektrische Konstitutivgesetze. Diese lassen sich aus einer entsprechend definierten Elementarzelle und den bekannten Eigenschaften der einzelnen Bestandteile ermitteln, sodass gekoppelte elektromechanische Reaktionen korrekt erfasst werden.

Besonders wichtig ist die Homogenisierung bei komplexen Architekturen auf Basis dreifach periodischer Minimalflächen (TPMS). Eine explizite Modellierung solcher Strukturen auf der Makroebene ist kaum praktikabel. Für eine Gyroid-Struktur kann eine periodische Einheitszelle genutzt werden, um die homogenisierten Materialeigenschaften zu berechnen. Die gesamte Struktur lässt sich anschließend auf der Makroebene als effektiv homogen behandeln.

Auch für Sandwichschalen und andere dünne Strukturen können homogenisierte Eigenschaften bestimmt werden. Well- oder Lochbleche, wie sie im Bauwesen oder in der Verpackungsindustrie eingesetzt werden, lassen sich als äquivalente orthotrope Platten aus monolithischem Material beschreiben. Ihre Ersatzkennwerte werden aus der Geometrie der wiederkehrenden Struktur und den Eigenschaften des Ausgangsmaterials abgeleitet.

Anhand dieser repräsentativen Elementarzelle lassen sich die elastischen und thermischen Eigenschaften von unidirektionalen Faserverbunden numerisch analysieren.(Bild:  Comsol)
Anhand dieser repräsentativen Elementarzelle lassen sich die elastischen und thermischen Eigenschaften von unidirektionalen Faserverbunden numerisch analysieren.
(Bild: Comsol)

Vom Mikro- zum Makromodell

Sobald die effektiven Materialeigenschaften vorliegen, können sie in makromechanischen Analysen genutzt werden, um das Verhalten der Struktur auf globaler Ebene zu untersuchen. Physikalisch fundierte Ansätze wie die Schichttheorie und die Theorie der äquivalenten Einzelschicht (ESL) erfassen das wesentliche mechanische Verhalten von Verbundlaminaten, ohne jedes Detail der Mikrostruktur explizit abzubilden. Dadurch sinkt der Rechenaufwand erheblich, während die für globale Struktursimulationen erforderliche Genauigkeit erhalten bleibt.

Numerische Homogenisierung verbindet die detaillierte Beschreibung der Mikrostruktur mit einer effizienten Strukturanalyse. Sie unterstützt die Bewertung von Verbundkörpern und -schalen, ermöglicht den Vergleich unterschiedlicher Materialkonzepte und liefert belastbare Ersatzkennwerte für nachgelagerte Berechnungen. So lassen sich Verbundwerkstoffe für unterschiedliche Anwendungen gezielt entwerfen, analysieren und optimieren.

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Sobald die effektiven Materialeigenschaften vorliegen, können sie in makromechanischen Analysen genutzt werden, um das Verhalten der Struktur auf globaler Ebene zu untersuchen.

Amit Suresh Patil ist Technical Product Manager Composite Materials Module bei Comsol.