Interview mit Andreas Furs "Der Mehrwert von KI entsteht zwischen den Systemen"

Das Gespräch führte Rainer Trummer 4 min Lesedauer

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Noch arbeitet KI oft im Hintergrund – doch bald soll sie zum aktiven Partner im Engineering werden. Andreas Furs, Head of Professional Services bei Var Industries, erläutert, wie intelligente Vernetzung von Daten und Systemen Produktentstehungsprozesse revolutioniert und Ingenieuren mehr Raum für Innovation verschafft.

Andreas Furs ist Head of Professional Services bei Var Industries. (Bild:  Var Industries)
Andreas Furs ist Head of Professional Services bei Var Industries.
(Bild: Var Industries)

Digital Engineering Magazin (DEM): Herr Furs, welche Rolle spielt künstliche Intelligenz bereits heute im Engineering-Umfeld?

Andreas Furs: Ich würde die Frage anders stellen, mehr in die Richtung, welche Rolle die KI spielen wird. Aktuell kommt künstliche Intelligenz meist für administrative Routineaufgaben zum Einsatz, auch schon als konzeptionelle Unterstützung in frühen Entwurfsphasen – konkret durch den Einsatz von LLMs. Was aber passiert morgen? Noch fehlt die durchgängige Einbindung der KI in die Prozesslandschaft. Dies ist ein Manko, KI muss in die Systemwelt integriert werden, anstatt sie zu isolieren. 

DEM: Wo sehen Sie im MCAD-Bereich die größten Potenziale für KI?

Andreas Furs: Genau da schließt sich das an, was ich gerade gesagt habe: In einem CAD-System sind bereits KI-Funktionen wie Sprachsteuerung, automatische Geometrieanalysen und Fehlerprüfungen vorhanden – nur isoliert als Insellösung. Der Mehrwert entsteht zwischen den Systemen, also wenn künstliche Intelligenz Materialdaten, Lagerbestände, Fertigungsrestriktionen oder frühere Projekte automatisch einbindet – dann wird sie zum konstruktiven Partner und Berater, der Informationen liefert, bevor die Frage entsteht. Und der Konstrukteur arbeitet effizienter mit weniger Abhängigkeiten, beispielsweise mit automatischer Feature-Erkennung in CAD-Modellen. Auf der ECAD-Seite nutzt der Designer KI-basierte Bauteilplatzierung und Variantenvergleich sowie eine smarte Kabelbaum-Generierung.

DEM: Wie kann KI innerhalb von PLM-Systemen dazu beitragen, Daten intelligenter zu verknüpfen, Wissen wiederzuverwenden und Entscheidungsprozesse zu beschleunigen?

Andreas Furs: Hier wartet der größte Potenzialhebel: Noch funktioniert der Produktentstehungsprozess über starre Schnittstellen, die die Systeme wie ERP, PDM, CAD, CAM und CAE miteinander verlässlich – aber eben begrenzt – verbinden. Mit KI verändert sich das Paradigma, denn statt Daten über Leitungen zu schieben, interpretiert künstliche Intelligenz die Informationen. Ich habe es meiner Kollegin Franziska Kallenberg so erklärt: Wenn ein Modell gleichzeitig mit ERP, Stücklisten, PDM-Status und CAD-Geometrie verbunden ist, erkennt KI Konflikte in Echtzeit – und nicht erst im Review. So entstehen dynamische Prozesse, die sich selbst prüfen und optimieren. Der Anwender kann automatisiert-generierte Stücklisten erstellen lassen sowie ein Predictive Change-Management angehen.

Aus strategischer Sicht gilt es, KI in die Systemarchitektur des Unternehmens zu integrieren, sodass Systemintelligenz entsteht.

Andreas Furs

DEM: Welche konkreten Hebel bietet KI, um Produktentstehungsprozesse effizienter, transparenter oder robuster zu gestalten?

Andreas Furs: Nun, mit KI zu entwickeln bedeutet heute, in Teilprozessen schneller oder fehlerfreier zu werden. Aus strategischer Sicht gilt es, die künstliche Intelligenz in die Systemarchitektur des Unternehmens zu integrieren, sodass Systemintelligenz entsteht. Kommuniziert KI mit ERP, PDM, CAD, CAM und allen weiteren Engineering-Lösungen, entsteht eine Datenbasis, die Muster, Risiken und Abhängigkeiten erkennt und auch aus Nutzerverhalten und Entscheidungen lernt. Alle profitieren davon, müssen aber auch die Kunst begreifen, KI richtig einzusetzen. 

DEM: KI steht und fällt mit der Datenbasis. Wie müssen Konstruktionsdaten strukturiert und gepflegt sein, damit KI-Anwendungen zuverlässig damit arbeiten können?

Andreas Furs: Kennen Sie den Spruch ‚Shit in, shit out‘? Die Datenbasis ist schon immer entscheidend und bezogen auf KI verschieben sich nun die Anforderungen. Während früher jedes Bauteil sauber klassifiziert sein musste, erkennt KI die Bauteile anhand von Geometrie, Kontext und Historie – und ergänzt fehlende Metadaten selbst. Gute Datenpflege bleibt wichtig, aber künstliche Intelligenz schließt Lücken aktiv und verbessert die Datenqualität kontinuierlich.

DEM: Wo sehen Sie die Grenze zwischen sinnvoller Automatisierung durch KI und der unverzichtbaren Expertise erfahrener Ingenieurinnen und Ingenieure?

Andreas Furs: Es gibt drei Phasen: Kurzfristig ist KI ein Assistenzsystem. Mittelfristig übernimmt sie Routinen und langfristig wird sie Entscheidungen vorbereiten – und teilweise selbst treffen. Und die Rolle des Ingenieurs passt sich dem Wandel an: Mit KI wird es mehr Freiraum geben, für das, was wirklich zählt: Innovation, Entwicklung und prozessorientiertes Denken. Ingenieurskompetenz wird nicht ersetzt – sie wird fokussiert.

DEM: Viele Unternehmen arbeiten mit etablierten CAD- und PLM-Systemen. Wie lässt sich KI sinnvoll in bestehende IT-Architekturen integrieren?

Andreas Furs: Meiner Meinung nach muss man zwischen gewachsenen und neuen Architekturen unterscheiden. In bestehenden Systemlandschaften ersetzt KI keine Schnittstellen – aber sie macht sie smarter. Konkret: Fällt eine Datenübertragung aus, kann künstliche Intelligenz Logdateien in Sekunden auswerten und die wahrscheinlichste Ursache nennen, statt nur einen Fehlercode auszugeben. In neuen Architekturen ist das Potenzial größer, denn KI kann von Beginn an disziplinübergreifend in Mechanik, Elektronik und Simulation eingebunden werden – und Fehler oder Potenziale erkennen, bevor sie sich in nachgelagerten Prozessen auswirken. Das führt zu echten parallelen Entwicklungsprozessen.

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Mit KI wird es mehr Freiraum geben, für das, was wirklich zählt: Innovation, Entwicklung und prozessorientiertes Denken.

Andreas Furs

DEM: Lassen Sie uns zum Schluss noch in die Zukunft blicken: Wie wird sich die tägliche Arbeit von Konstrukteuren und PLM-Verantwortlichen durch KI verändern?

DEM: Lassen Sie uns zum Schluss noch in die Zukunft blicken: Wie wird sich die tägliche Arbeit von Konstrukteuren und PLM-Verantwortlichen durch KI verändern?

Andreas Furs: KI verändert den Alltag von Konstrukteuren, Designern und Ingenieuren – weg von repetitiven Tätigkeiten und mehr hin zu höherwertiger Systemarchitektur, Validierung, Kreativität und Entscheidungsarbeit. Interessant ist es, dass wir uns in unseren Projekten verstärkt zum Integrationsexperten für den Digital Thread sowie zum Enabler für KI-gestützte Engineering-Rollen entwickeln, wobei wir mit den Anwendern diese Stärken reflektieren und projektieren. Sprich, das Daten-Engineering des Kunden so begleiten, dass KI und Services verstärkt deren Alltag prägen. Es entsteht die nächste Generation der Produktentstehung – inklusive allen Gestaltungsmöglichkeiten, die uns künstliche Intelligenz bieten wird.

DEM: Herr Furs, vielen Dank für das Gespräch.