Forschung und Entwicklung: Die Physik der modernen Bierkutsche
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Rainer Trummer
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Früher sorgten die Bierkutscher dafür, dass das kühle Helle sicher ankam. Wie heute die Forschung hilft, dass die Lkws auf Spur bleiben.
(Quelle: Yuri Turkov/Shutterstock)
Sorgten früher die Bierkutscher mit ihren Brauereipferden dafür, dass das erfrischende Helle sicher zum Verbraucher kam, ist es heute komplexer: Die schwerbeladene Lkws mit Bier in Fässern und Kästen sind ein Risikofaktor, wenn es an guter Ladungssicherung fehlt. Das ist ein Fall auch für die Forschung.
Dabei ist das Problem akut: Mit der bevorstehenden Öffnung von Biergärten, Restaurants und Gaststätten steigt in Deutschland die Nachfrage nach Fassbier. Es gibt einiges aufzuholen – sank doch der Bierausstoß in Deutschland 2020 pandemiebedingt gegenüber dem Vorjahr um rund 5 Prozent auf 87 Millionen Hektoliter, der Pro-Kopf-Verbrauch fiel in ähnlicher Größenordnung auf 94,6 l. Jetzt aber dürften sommerliche Temperaturen und Sport-Großereignisse für mehr Bierdurst sorgen. Entsprechend rollen die Lkws wieder verstärkt.
Norbert Heyer, Leiter des Forschungsinstituts für Management und Getränkelogistik, und sein Team testen auf einem mobilen Prüfstand (Motion Base), ob Kästen und Fässer sicher auf den Paletten und den Ladeflächen sitzen – und wie es besser geht. Mit dabei ist Verpackungstechnologe Christian Raschke. Er kommentiert: „Viele Unfälle passieren in Kurven, physikalische Gesetzmäßigkeiten sind daher unser Kerngeschäft“. Dazu wird auf dem Prüfstand kräftig an den Gebinden geschüttelt, gerüttelt und gestoßen; wie im Straßenverkehr.
Forschung rund um Bier-Gebinde und -Kästen
In Kooperation mit Brauereien zeigt die VLB, die Mitglied der Zuse-Gemeinschaft ist, den Prüfstand in Aktion gern direkt in vielen der bundesweit mehr als 1.500 Braustätten. Das habe eine lehrreiche und abschreckende Wirkung. In der VLB im Berliner Stadtteil Wedding kommt der mobile Prüfstand in der Brau- und Destillateur-Meister Ausbildung zum Einsatz, um den künftigen Fach- und Führungskräften die Risiken schlechter Ladungssicherung vor Augen zu führen.
In der angewandten Forschung nutzt die VLB den innovativen Prüfstand, um bei der Entwicklung von neuen Mehrwegkästen vorherzusagen, wie sich Ladeeinheiten mit neu designten Bierkisten auf der Straße verhalten.
Weniger Plastik und genauere Prognosen beim Fassbier-Transport
Aktuell prüft Heyers Team, wie Ladungen mit Fassbier stabiler gemacht werden können. Dabei wird neben der horizontalen Umreifung auch eine vertikale Umreifung erprobt. Eine solche Lösung gibt es zwar schon mit Kunststoffbändchen. Neu ist aber der Einsatz von Schnüren, die zu 30 Prozent aus Baumwolle sowie aus recycelten Textilfasern aus der Autositzproduktion bestehen.
Der Prüfstand schüttelt die Fässer ordentlich durch - und stellt damit die Praxis nach. Dazu führt er Drehbewegungen, Knickbewegungen und Höhenänderungen aus.
(Quelle: Wiesgrill/VLB)
Denn neben der Sicherheit geht es der VLB auch um umweltfreundlichere Verpackungen. Sei es die Anzahl der Wicklungen am Fuß- oder Kopfende der Ladungen oder das Testen von diagonal verlaufenden Folienbahnen - an vielen Stellen lässt sich Material beim Transport einsparen. „Projekte aus der Praxis haben gezeigt, dass bei gleicher Menge an Folie die Stabilität der Ladeeinheiten erhöht werden konnte“, erläutert Raschke.
Forschung: Erfolgreicher Transfer
Der mobile Prüfstand war 2015 als ein vom Bundeswirtschaftsministerium finanziertes Förderprojekt der angewandten Forschung im Programm Inno-Kom gestartet. Wirtschaftlich trägt sich die mit Steuermitteln geförderte Entwicklung. „Für uns ist der mobile Prüfstand ein Beispiel dafür, wie Projektförderung des Bundes zielgenau zu erfolgreichem Forschungstransfer in die unternehmerische Praxis führt“, erklärt VLB-Geschäftsführer Gerhard Andreas Schreiber.
Nicht nur alkoholisches
An der VLB wird übrigens nicht nur zu Bier, sondern auch zu anderen Gärprodukten geforscht. „Unsere Hefe-Datenbank bietet ein großes Reservoir auch für die erfolgreiche Entwicklung von nicht-alkoholischen Innovationen“, hebt Schreiber hervor.
Für den Präsidenten der Zuse-Gemeinschaft, Prof. Martin Bastian, ist das Projekt ein Beispiel für erfolgreiche Projektentwicklung in der gemeinnützigen Industrieforschung, die Technologie- ebenso wie Wissenstransfer in den Fokus nimmt. „Erst wenn technische Neuerungen aus der angewandten Forschung als Innovationen auch in der betrieblichen Realität von Unternehmen zur Geltung kommen, kann ein Mehrwert für Gesellschaft und Verbraucher entstehen“, betont Bastian.
Stand: 16.12.2025
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