Produkte bestehen zunehmend aus digitalen „Bestandteilen“. Zur Maschine etwa lassen sich Services hinzubuchen. Doch wie werden digitale Datenprodukte in einem durchgängigen Prozess abgerechnet? Gibt es sie bereits, die komplette virtuelle Wertschöpfungskette?
(Quelle: Anttoniart/Shutterstock)
Digitale Wertschöpfungskette: Schuhe, Schrauben, Schränke – wir bestellen und bezahlen heutzutage im Privaten überwiegend auf digitalen Wegen. Und auch bei industriellen Einkaufs- und Abrechnungsprozessen läuft vieles bereits digital, von der Bestellung des Rohmaterials über die Planung des entsprechenden Produktionsschritts bis zur Überweisung der Rechnungsbeträge.
Häufig gibt es das bestellte Material in vielen Farben und Qualitäten. Wenn zudem die Bedarfe schwanken, wird der Prozess entsprechend komplex. Moderne Abrechnungssysteme helfen dabei, diese Komplexität zu stemmen.
Soweit, so gut. Wie sieht es nun aber aus, wenn nicht mit Metallen, Lacken und Schrauben, sondern mit Datenströmen Wertschöpfung betrieben wird? Wenn beispielsweise Daten unterschiedlicher Anbieter in ein System integriert und durch verschiedene Services ergänzt, ausgewertet und weiterverarbeitet werden? Lässt sich das in einer durchgängigen virtuellen Wertschöpfungskette für digitale Datenprodukte abbilden und abwickeln?
Vernetzte Maschinen abrechnen
Vorstellbar wäre beispielsweise: Ein Anbieter vernetzt die Maschinen und Anlagen eines Betriebs, integriert außerdem Business-Anwendungen, steuert alles über eine zentrale Plattform, lädt in diese auch ergänzende Services wie Stauinfos, Wetterprognosen, Rohstoffpreise oder spezielle Auswertungstools und lässt das System mittels KI-Komponenten autonom arbeiten. Immer mit dabei: Eine Anwendung, die die Vertragsbedingungen mit allen Datenlieferanten kennt, die Frequenz der Datennutzung trackt und die dafür anfallenden Gebühren selbstständig mit der Bank abrechnet.
Ungefähr so funktioniert ein neues Angebot des Technologie-Dienstleisters GFT Technologies SE, eines Unternehmens, das einerseits 30 Jahre Erfahrung als Digitalisierungspartner vieler internationaler Finanzinstitute hat und über die Tochtergesellschaft in-Integrierte Informationssysteme GmbH genauso lange Pioniertätigkeit im Industrie 4.0-Bereich vorweisen kann. Das sind gute Voraussetzungen, um materielle, finanzielle und digitale Wertströme aus der Industrie- und Bankenwelt zu verknüpfen.
Dass diese Verbindung immer wichtiger wird, steht außer Zweifel. Die Methoden der Zahlungsabwicklung verändern sich radikal. Angetrieben durch exponentiell wachsende Vernetzung von Maschinen, Prozessen und Lieferketten im Industrie 4.0-Umfeld, ergeben sich neue Anforderungen an innovative Zahlungsverfahren und Abrechnungsmodelle. Die Integration des Zahlungsverkehrs in die Produktionsprozesse wird zu neuen Transaktionen und höheren Volumina führen, wodurch sich für Unternehmen und Banken neue Chancen ergeben.
Was ein Abrechnungssystem können muss
Insgesamt werden Banken Teil neuer Ökosysteme und integraler Bestandteil des Working-Capital-Prozesses von Industrieunternehmen werden müssen, wenn sie das Terrain nicht an neue FinTech-Anbieter verlieren wollen. Voraussetzung, damit eine solche Integration reibungslos funktionieren kann, ist ein Billing Service, der im Stande ist, nicht nur eindimensionale Transaktionen abzurechnen. Vielmehr muss er auch unterschiedlichste digitale Zulieferprodukte mit einpreisen können.
Im System von GFT gibt es dafür einen Digital Twin des gesamten Prozesses – den sogenannten digitalen Prozess-Zwilling, der notwenige KPIs wie Aufrufe bestimmter Services oder finanzielle Einsparungen aufgrund digitaler Optimierungstools erfasst, verarbeitet und in das entsprechende Abrechnungstool einspeist. Dieses enthält eine Abbildungsvorschrift für das Mapping zwischen digitalen Wertströmen und zu berechnenden Kosten. Darin wird die jeweilige Rückmeldung über eine Servicenutzung mit einem bestimmten Preis und weiteren Abrechnungsregeln gekoppelt, so dass das System selbstständig die entsprechende Meldung an die Bank übermitteln kann.
Was eine Abrechnungsvorschrift für die digitale Wertschöpfungskette bringt
Im Prinzip enthält eine Abbildungsvorschrift typischerweise nichts anderes als die Vertragskonditionen der Kunden mit den digitalen Zulieferern. Da relevante Nutzungs-, Verbrauchs- oder Kostendaten Bestandteil des digitalen Prozess-Zwillings sind und damit 1:1 der realen Nutzung entsprechen, können Abrechnungsinformationen zu bestimmten Zeiten mit frei definierbaren Regeln im System errechnet, als Datensatz ausgeleitet und an weitere Systeme übermittelt werden. Damit lassen sich nicht nur flexible Pay-per-Use-Modelle umsetzen, sondern auch Profit-Share-Modelle entlang der digitalen Wertschöpfungskette.
Stand: 16.12.2025
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Haben die beteiligten Serviceanbieter und die Kunden diesen Modalitäten zugestimmt, ist nicht einmal mehr eine Rechnung nötig. Dann kann der Rechnungsdatensatz direkt in die Banking-Anwendungen einfließen – und der Prozess ist komplett durchdigitalisiert. Die Wertschöpfung im digitalen Wertstrom wird damit sogar flexibler und direkter abrechenbar, als es heute bei physischen Produktionsketten der Fall ist.
Grundlage des digitalen Zwillings
Hilfreich ist für solche Lösungen ein Software-Konzept, das die technische Integration der verschiedenen Player überschaubar, einheitlich und zuverlässig regelt. Im Fall von GFT nennt sich dieses Konzept „Model in the Middle“ und ist integraler Bestandteil der IoT-Plattform Sphinx Open Online. Es koordiniert die Datenanbindung, Auswertung, Überwachung und Prognoserechnung in einem zentralen Modell. Die zugrunde liegende Architektur vernetzt die digitalen Prozess-Zwillinge aller Datenlieferanten bidirektional, so dass sie nicht nur Daten senden, sondern auch aus diesen Daten abgeleitete Optimierungsbefehle empfangen und ausführen können. Dank offener Schnittstellen lassen sich an das System interne Leittechnik- oder Controlling-Anwendungen genauso anbinden wie externe Dienste für Preisinformationen, Energieprognosen, Wettbewerbsinformationen, Bezahlservices und vieles mehr.
Das Model in the Middle bildet dabei den Querschnitt der beteiligten Ebenen ab. Da ist zum einen die vertikale Ebene – also die Nutzungsdaten, die von den angeschlossenen Geräten und Usern erzeugt werden. Dank des Model in the Middle müssen für ihre Erfassung nicht diverse unterschiedliche Systeme miteinander sprechen, sondern alles wird zentral zusammengeführt. Der Wertschöpfungsprozess stellt die horizontale Ebene dar: Wie auch bei physischen Produkten entsteht in der Datenwelt aus verschiedenen Bestandteilen ein definierter Endkunden-Nutzen durch digitale Services und Produkte – und am Ende dieser Wertschöpfungskette steht die Bezahlung.
Da der Prozess-Zwilling kontinuierlich analysiert, welche Daten welche Abrechnungsszenarien nach sich ziehen, kann jederzeit der kommerzielle Prozess der Bezahlung angetriggert werden. Ganz autonom und in direkter Zusammenarbeit mit der Bank. Das schafft ganz neue Möglichkeiten der Kooperation – für Industrieunternehmen, Banken und ein wachsendes Ökosystem an zusätzlichen Nutzbringern.
Der Autor Dr. Lukas Lutz, Global Business Development Industry bei GFT Technologies SE.