So teuer und tödlich sind Naturkatastrophen

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Naturkatastrophen haben seit Beginn des 20. Jahrhunderts mehr als sieben Billionen US-Dollar wirtschaftlichen Schaden angerichtet und acht Millionen Menschen getötet – das ist die Bilanz des Geophysikers James Daniell vom Karlsruher Institut für Technologie (KIT). Sein Wissen basiert auf einer umfassenden Datenbank, die er seit 2003 aufbaut.
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Naturkatastrophen haben seit Beginn des 20. Jahrhunderts mehr als sieben Billionen US-Dollar wirtschaftlichen Schaden angerichtet und acht Millionen Menschen getötet – das ist die Bilanz des Geophysikers James Daniell vom Karlsruher Institut für Technologie (KIT). Sein Wissen basiert auf einer umfassenden Datenbank, die er seit 2003 aufbaut.

Die von Daniell entwickelte Datenbank Catdat greift auf sozioökonomische Indikatoren zurück und bildet die Grundlage für ein Schadensmodell, das Regierungen und Hilfsorganisationen beim Abschätzen des Ausmaßes einer Katastrophe und dem Katastrophenmanagement unterstützt. Seine Ergebnisse stellt Daniell bei der Jahresversammlung der European Geosciences Union vor, die vom 17. Bis 22. April 2016 in Wien stattfindet.

35.000 Katastrophen auf Lager

Für die Catdat hat Daniell bis dato mehr als 35.000 Katastrophenereignisse weltweit ausgewertet. Demnach gehen ein Drittel des wirtschaftlichen Gesamtschadens zwischen 1900 und 2015 auf das Konto von Flutkatastrophen. Erdbeben verursachen 26 Prozent der Schäden, Stürme 19 Prozent, Vulkanausbrüche machen lediglich ein Prozent aus. „In den vergangenen hundert Jahren haben die wirtschaftlichen Schäden durch Naturkatastrophen pro Jahr – absolut gesehen – zugenommen“, sagt Daniell, der am KIT sowohl am Geophysikalischen Institut als auch am Center for Disaster Management and Risk Reduction Technology (CEDIM) forscht und „John Monash Scholar“ ist, eine Auszeichnung, die die australische Regierung an herausragende australische Nachwuchswissenschaftler vergibt, die im Ausland forschen.

Während auf den gesamten Zeitraum gesehen Flutkatastrophen die größten Verursacher wirtschaftlicher Schäden sind, geht in der jüngeren Vergangenheit, seit 1960, mit 30 Prozent der größte Anteil auf Stürme (und Sturmfluten) zurück. In Relation zum jeweiligen Wert von Infrastruktur und Gebäuden in einem Land (Bruttoanlagevermögen) nehmen die Schäden allerdings ab. „Grundsätzlich sind weniger entwickelte Länder durch Katastrophen verwundbarer, das heißt – bezogen auf Bevölkerungszahl und Vermögen – sind mehr Tote und ein höherer wirtschaftlicher Schaden zu befürchten als in besser entwickelten Ländern“, erklärt der Geophysiker und Bauingenieur. Ein häufiger Grund sei, dass entsprechende Baurichtlinien nicht umgesetzt würden. Zudem bildeten, wie etwa in Bangladesh, die Küstenregionen die wirtschaftlichen Zentren und sind entsprechend stark besiedelt.

Schwierige Bewertung

Für seine Analysen setzt Daniell auf sozioökonomische Indikatoren wie Bevölkerungsentwicklung, Verbraucherpreisindices, Bruttoinlandsprodukte, Kapitalstock sowie Daten zu Nahrungsmittelsicherheit und Bausubstanz in den jeweils betroffenen Ländern. Um die Entwicklung der sozioökonomischen Verwundbarkeit (Vulnerabilität) im Lauf der Zeit untersuchen zu können, hat er die Schäden auf das Jahr 2015 normalisiert. „Hier zeigt sich der klare Trend, dass viele Länder etwa Gebäude besser gegen Naturkatastrophen schützen, so verringern sie ihr Risiko hoher Schäden“, erklärt der Forscher. Auch der verbesserte Hochwasserschutz wirke sich deutlich aus, nachdem es zwischen 1900 und 1960 hinweg sehr hohe Schäden vor allem durch Flutkatastrophen gab. Ein deutlicher Rückgang wirtschaftlicher Schäden ließe sich etwa seit 1950 in China und Japan beobachten.

Abhängig davon, ob man die Schäden über den Verbraucherpreisindex oder den Baupreisindex auf das Niveau von 2015 anpasst, ergibt sich seit Beginn des 20. Jahrhunderts eine weltweite Naturkatastrophen-Schadensbilanz zwischen 6,5 und 14 Billionen US-Dollar. Die von Daniell ermittelten sieben Billionen basieren auf der Anpassung über einen Preisindex des Bruttoinlandsprodukts (BIP-Deflator). „Oft ist es unmöglich, eine genauere Zahl für ein Ereignis zu erhalten, da Schäden sehr schwierig zu schätzen sind, auch Todeszahlen werden häufig zunächst häufig überschätzt, zum Beispiel beim Erdbeben in Haiti 2010, oder unterschätzt, wie beim Beben in Usbekistan 1966“, sagt er und nennt deshalb in seiner Forschung Ober- und Untergrenzen.

Teuerste Katastrophe: „Fukushima plus Tsunami“

Im Hinblick auf den größten wirtschaftlichen Schaden belegt das Jahr 2011 mit schweren Erdbeben in Japan und Neuseeland den Spitzenplatz: „Mit 335 Milliarden Dollar Direktschäden ist das Tohoku-Erdbeben mit Tsunami und Nuklearunfall am 11. März 2011 bislang die teuerste Naturkatastrophe überhaupt“, so James Daniell. Bei dem Beben mit nachfolgendem Tsunami starben etwa 18.500 Menschen und 450.000 wurden obdachlos.

8 Millionen „direkte“ Tote durch Naturkatastrophen

Mehr als acht Millionen Tote durch Erdbeben, Flut, Sturm, Vulkanausbruch und Buschfeuer seit 1900 sind in der Datenbank Catdat verzeichnet (nicht einberechnet sind hier die Toten, die durch Langzeitfolgen, Trockenheit und Hungersnot starben).

Die Zahl der Toten durch Erdbeben zwischen 1900 und 2015 liegt nach Daniells Daten bei 2,32 Millionen (Schwankungsbereich: 2,18 bis 2,63 Millionen). Die meisten von ihnen – 59 Prozent – starben durch zerstörte Backsteingebäude, 28 Prozent durch sekundäre Effekte wie Tsunamis und Erdrutsche. Durch Vulkanausbrüche starben im gleichen Zeitraum 98.000 Menschen (Schwankungsbereich: 83.000 bis 107.000). Verheerende Vulkanausbrüche vor 1900, wie der des Tambora 1815, können jedoch zu sehr hohen Todeszahlen und sich beispielsweise mit sinkenden Temperaturen weltweit auswirken, etwa auf die Nahrungsmittelsicherheit. „Die absolute Zahl der jährlichen Toten durch Naturkatastrophen ist über die Jahre hinweg leicht gesunken – in Relation zum Bevölkerungswachstum sogar deutlich. Derzeit liegt sie bei etwa 50.000“, erläutert Daniell. „Auf den gesamten Zeitraum gesehen, also zwischen 1900 und 2015, starb die Hälfte von ihnen durch Flutkatastrophen. Dank besserer Vorbereitung und Analysen nimmt dieser Anteil aber ab. Seit 1960 haben Erdbeben mit 40 Prozent den größten Anteil.“ Verglichen mit der weltweiten Sterberate sei die Rate der Todesopfer durch Naturkatastrophen relativ konstant geblieben.

Mit jeweils mehr als 100.000 Toten gehören der Tsunami 2004 im Indischen Ozean (ca. 230.000) und der Zyklon Nargis 2008 (ca. 140.000) in Myanmar zu den schwersten Katastrophen der jüngeren Vergangenheit. Das Ereignis mit den bislang meisten Todesopfern ist das Hochwasser 1931 in China mit 2,5  Millionen Toten.

Datenbank Catdat

Seit 2003 baut James Daniell die Datenbank CATDAT auf, die Informationen aus Online-Archiven, Bücher, Berichten von Institutionen, Publikationen sowie aus weiteren Datensammlungen weltweit umfasst. In seiner Dissertation entwickelte er ein Schätzungsmodell für Erdbebenschäden weltweit – anhand empirischer Daten von mehr als 8000 Erdbeben seit 1900. Auf dieser Grundlage schätzte er Todesopfer und wirtschaftliche Schäden. Anfang 2016 erhielt Daniell für diese Arbeit eine von drei Doktorandenpreisen des KIT. Sein Modell hat er inzwischen kontinuierlich auf weitere Katastrophenarten auf insgesamt mehr als 35.000 Ereignisse erweitert.

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