Sicher arbeiten mit Datenbrille und Exoskelett

Geht es um die Zukunft des Arbeitens, kommt man um Themen wie mobiles Arbeiten, Datenbrillen und Exoskelette nicht herum. Doch wie wirken sich diese neuen Arbeitsmittel und -formen auf die Sicherheit und Gesundheit von Beschäftigten bei der Arbeit aus? Ein Interview.

Auf der Betriebsärztetagung der Berufsgenossenschaft Holz und Metall (BGHM) am 23. und 24. Januar 2018 in Niedernhausen haben Experten darüber diskutiert, wie die Zukunft der Arbeit aussieht und wie sie sich gesund und sicher gestalten lässt. Im Interview geben die Referenten Burkhard Grüß, Marc Rockhoff und Cornelia Schöneich-Kühn von der BGHM Auskunft.

Digitaler Durchblick – die Datenbrillen

Herr Rockhoff, in Ihrem Vortrag ging es um Datenbrillen. Wo setzt man diese derzeit und künftig ein?

Marc Rockhoff: Datenbrillen sind im Grunde Brillen, auf deren Gläsern – eigentlich sind es kleine Bildschirme – Informationen für die Nutzerinnen und Nutzer eingeblendet werden. Sie kommen in unterschiedlicher Form zur Anwendung, zunehmend im Bereich Lager und Logistik, dort zum Beispiel beim Kommissionieren oder auch in der Konstruktion und Planung neuer Arbeitsplätze. Künftig werden Datenbrillen wohl zunehmend als Informationsquelle bei der Instandhaltung von Autos, Lastkraftwagen oder Flurförderzeugen verwendet.

Wie wirkt sich diese neue Technologie auf den Arbeitsschutz aus?

Rockhoff: Einerseits können Datenbrillen im Arbeitsschutz helfen, indem sie beispielsweise die Nutzerinnen und Nutzer vor Gefahrstoffen, gefährlichen Bereichen oder beweglichen Maschinenteilen warnen. Andererseits sind die Einsatzbereiche der Brillen bei der Sicherheit und Gesundheit der Beschäftigten mit Bedacht zu wählen, um Gefährdungen oder negative Beanspruchungen zu vermeiden, so zum Beispiel in Form einer Reizüberflutung oder Ablenkung. Zwar ist zurzeit keine spezielle arbeitsmedizinische Vorsorge für die Nutzerinnen und Nutzer vorgeschrieben, aber es gibt diesbezüglich noch Forschungsbedarf. In jedem Fall ist der Einsatz von Datenbrillen im Rahmen der Gefährdungsbeurteilung zu berücksichtigen.

Exoskelette – die ergonomische Stütze von morgen?

Frau Schöneich-Kühn, die sogenannten Exoskelette werden am Körper getragen und unterstützen wie ein äußeres, bewegliches „Gerüst“ die Trägerin oder den Träger. Welches Potenzial beinhalten sie?

Cornelia Schöneich-Kühn: Zunächst ist festzuhalten, dass grundsätzlich der Hersteller oder Inverkehrbringer den Einsatzzweck eines Exoskeletts bestimmt. Denkbar sind zum Beispiel Tätigkeiten mit erhöhter Kraftanstrengung bzw. Kraftwirkung oder Arbeiten in Zwangshaltung. Sie können aber auch als persönliche Schutzausrüstung oder medizinisches Hilfsmittel genutzt werden. Jeder Einsatzzweck stellt andere Anforderungen an die Unternehmen und selbstverständlich auch an die sie tragende Person. Aus Sicht der Berufsgenossenschaft liegt das größte Potenzial der Exoskelette in der Optimierung physischer Belastungen, beispielsweise an nicht stationären Arbeitsplätzen. Allerdings gibt es derzeit noch nicht genügend Langzeituntersuchungen zu den tatsächlichen Wirkungen und Nebenwirkungen. Eine Pauschalbewertung ist daher noch nicht möglich.

Was muss speziell beim Thema Sicherheit (für den Träger und die Umwelt) berücksichtigt werden?

Schöneich-Kühn: Das Wichtigste ist: Exoskelette sollten nur bestimmungsgemäß verwendet werden. Um dies sicherzustellen, sollten sich Unternehmensverantwortliche dazu mit dem Hersteller austauschen und ggf. Fachleute des für sie zuständigen Unfallversicherungsträgers konsultieren. Natürlich können auch Exoskelette Fehlfunktionen aufweisen. Also muss geklärt werden, wie diese sich vermeiden lassen oder was passieren muss, wenn man damit beispielsweise stolpert. Von Interesse sind ebenso die langfristigen Sicherheitsaspekte. Bewirkt ein dauerhaftes Tragen etwa einen Muskelabbau?

Außerdem muss darauf geachtet werden, dass die Schnittstelle Mensch-Maschine ergonomisch gestaltet ist und nicht zusätzlich ungünstige Belastungen oder gar Fehlbedienungen zur Folge hat oder möglicherweise zu Unfällen führt. Eine komfortable Handhabung der Exoskelette, zum Beispiel geringer Aufwand beim An- und Ausziehen, ist Voraussetzung. Sie sehen, insgesamt besteht aus berufsgenossenschaftlicher und Fachleutesicht noch ein erheblicher Forschungs-, Regelungs- und Standardisierungsbedarf bevor diese Produkte flächendeckend ihren Einsatz finden sollten.

Die Tücken des mobilen Arbeitens

Herr Grüß, Sie haben auf der Tagung über mobiles Arbeiten referiert. Welche Chancen und Risiken beinhaltet diese Arbeitsform für Beschäftigte?

Burkhard Grüß: Aufgrund der zunehmenden Digitalisierung kann heute in vielen Branchen mobil gearbeitet werden. Die Vorzüge liegen auf der Hand: Pendelzeiten verringern sich oder entfallen, Beschäftigte erhalten mehr Autonomie, die zu mehr Flexibilität bei der Arbeitszeitorganisation führt und auch die Work-Life-Balance kann sich verbessern. Zu den Risiken zählen die Tendenz zu längeren Arbeitszeiten, die mitunter von den Beschäftigten selbst ausgeht, oder die Entgrenzung von bezahlter Arbeit und Privatleben. Diese und weitere Faktoren können sich stark auf die Gesundheit und das Wohlbefinden von Beschäftigten auswirken.

Welche Herausforderungen beinhaltet das für die Berufsgenossenschaften und wie wirkt sich das auf die Beratung und Unterstützung von Mitgliedsbetrieben aus?

Burkhard Grüß: Nur einzelne Aspekte des Arbeitsschutzes zu thematisieren, wie beispielsweise eine ergonomische Arbeitshaltung an den wechselnden Arbeitsorten, greifen bei diesem Thema zu kurz. Hier sind ganzheitliche Ansätze gefragt. Die Berufsgenossenschaft will daher die Zusammenarbeit aller fachlich betroffenen Akteure im jeweiligen Betrieb fördern. Das sind neben dem betrieblichen Arbeitsschutz auch die Arbeitsmedizin, das Gesundheitsmanagement sowie das Personalmanagement. Sie alle gestalten einerseits unterstützende Rahmenbedingungen bei der mobilen Arbeit, andererseits sind sie wichtige Multiplikatoren für Arbeitsschutzinhalte, um sie den mobil arbeitenden Beschäftigten kontinuierlich zu vermitteln.

Welche Rahmenbedingungen müssen gegeben sein, um auch unterwegs sicher und gesund arbeiten zu können?

Grüß: Mobiles Arbeiten kann sehr unterschiedliche Ausprägungen haben. Somit können die Rahmenbedingungen und konkreten Handlungsansätze nur vom jeweiligen Arbeitgeber selbst gesetzt werden – ein wichtiger Ansatzpunkt für die Berufsgenossenschaften. Wichtig ist, die Beschäftigten bei der Arbeitsgestaltung einzubeziehen und bei Themen wie Arbeitszeit, Erreichbarkeit, Kommunikation oder benötigte Arbeitsmittel zu beteiligen. Sind diese an die Tätigkeit und die individuellen Bedürfnisse angepasst, werden Beanspruchungen reduziert und ein sicheres und gesundes Arbeiten ermöglicht.

Die Fragen stellte Thomas Ulmer, Stabsstelle Öffentlichkeitsarbeit, Referat Interne und Externe Kommunikation bei der Berufsgenossenschaft Holz und Metall (BGHM).

  • Die BGHM-Interviewpartner von links nach rechts: Burkhard Grüß, Cornelia Schöneich-Kühn und Marc Rockhoff. Bild: BGHM
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