ReqIF – wie es bei Daimler um das Austauschformat steht

Bereits 2015 berichtete das Digital Engineering Magazin über ReqIF als Standardformat zum toolunabhängigen Austausch textueller Anforderungsdaten. Schon damals bewiesen die Ergebnisse der von Daimler und Continental durchgeführten Pilotprojekte, dass sich der Einsatz von ReqIF lohnt. Deshalb wird das Format bei Daimler mittlerweile produktiv genutzt. Außerdem soll ReqIF zukünftig für das kollaborative Systems Engineering angewendet werden und – neben anderen Standardformaten – eine Antwort auf die digitale Transformation geben. Von Vanessa Sehon

 

Die gesamte Automobilindustrie wird derzeit von der digitalen Transformation geprägt – so auch Daimler. Im Bereich Engineering bedeutet dies, dass neben den klassischen Feldern Mechanik und Elektrik, nun auch zusätzliche Felder, wie Software und Services, bedient werden müssen. Hinzu kommt, dass die Zusammenarbeit mit Partnern immer wichtiger für zukünftige Produktentwicklungsprozesse wird. Das lässt sich in unterschiedlichen Bereichen beobachten, in denen bereits 75 Prozent der Wertschöpfung auf der Seite der externen Partner erfolgt. Deshalb stuft Daimler die Partnerintegration für künftige Produktentwicklungsprozesse als wichtiger denn je ein.

 

Auf diese Herausforderungen reagiert Daimler mit der Strategie, bei der Zusammenarbeit mit Partnern den Fokus auf das richtige Portfolio an Standards zu legen. Dieses Portfolio soll alle relevanten Entwicklungsdaten-Ströme abdecken: Anforderungs-, Geometrie-, Produktstruktur-, Architektur-, Verhaltensdaten, Daten elektronischer Systeme und Absicherungsdaten. Für jeden dieser Datenströme wird das richtige Set an einem oder mehreren Standards vorgesehen oder bereits eingesetzt. Dazu zählen neben ReqIF die Formate JT, 3MF, STEP AP 242 XML, SysML, OSLC, FMI, KBL, VEC, FDX sowie I++. Auf diesem Weg sollen alle herkömmlichen, aber auch neuen Felder im Engineering abgedeckt werden. Daimler schafft es durch gezieltes Trend- und Technologiescouting, die neuesten und am besten geeigneten Datenformate für die genannten Ströme zu identifizieren und diese, wenn erforderlich, zu erweitern und auszutauschen.

ReqIF als Enabler für den Anforderungsaustausch

Unter der Bezeichnung RIF wurde seit 2004 das Änderungsaustauschformat von der mittlerweile aufgelösten Arbeitsgruppe Herstellerinitiative Software (HIS) erarbeitet. Nachdem weitere Entwicklungen unter der Bezeichnung ReqIF fortgeführt wurden, schaffte das Format es zum international anerkannten Standard der Object Management Group (OMG). Im Juli 2016 wurde ­ReqIF in der Version 1.2 bereitgestellt.

Seit 2016 arbeiten Anwender und Tool-Vendoren gemeinschaftlich daran, ReqIF weiter zu fördern. In diesem Rahmen befasst sich Daimler gemeinsam mit weiteren Anwendern auf OEM- und Zuliefererseite in der Arbeitsgruppe „ReqIF Workflow ­Forum“ des prostep ivip Vereins mit der Weiterentwicklung und Industrialisierung von ReqIF. Das Ziel ist es, die Zusammenarbeit zwischen ReqIF-Austauschpartnern weiter voranzubringen. Dafür erarbeitet das ReqIF Workflow Forum die erforderlichen Use Cases sowie Prozessanforderungen und kooperiert eng mit dem „ReqIF Implementor Forum“, das aus den Tool-Vendoren der Requirements Engineering Tools sowie Import/Export-Tools besteht und die Anforderungen entsprechend umsetzt.

Der Einsatz von ReqIF bei Daimler heute und zukünftig

Dr. Siegmar Haasis, CIO Research and Development Mercedes-Benz Cars bei Daimler, hat in seiner Keynote auf dem EDM Forum 2015 den Anstoß dazu gegeben, ReqIF umfassend anzuwenden und die Austauschprozesse zwischen Daimler und externen Partnern zu standardisieren. Im selben Zug wurden Pilotprojekte mit ersten Partnern vorgestellt.

Die Pilotprojekte, die daraufhin seitens Daimler mit Continental durchgeführt wurden, fanden zwischen Juni 2014 und April 2016 statt. Die Datenbasis der Pilotprojekte bildeten Test- und Produktivdaten aus abgeschlossenen Entwicklungsprojekten. Im Rahmen der Piloten konnte gewährleistet werden, dass die Anforderungsdaten verlustfrei zwischen den jeweils im Einsatz befindlichen Softwaretools ausgetauscht werden können. Außerdem konnten die Prozessabläufe optimiert werden und es lässt sich als Ergebnis festhalten, dass ein automatisierter Austausch textueller Anforderungsdaten unter Verwendung des ­ReqIF-Standards möglich ist. Der erfolgreiche Abschluss der Pilotprojekte hat die notwendige Grundlage geschaffen, um den nächsten Schritt zu gehen: Heute findet zwischen Daimler und externen Partnern ein produktiver Austausch von textuellen Anforderungsdaten mithilfe von ReqIF statt.

Um sicherzustellen, dass die Anforderungsdaten vollständig und fehlerfrei beim Austauschpartner ankommen, werden externe Partner, mit denen für Daimler ein Anforderungsaustausch mittels ReqIF eingeführt werden soll, vor dem produktiven Austausch dafür qualifiziert. Die Qualifikation erfolgt durch den Austausch verschiedener Testmodule. Bislang wurden bereits wichtige strategische Partner für einen Anforderungsaustausch mittels ReqIF qualifiziert. Aufgrund der positiven Resonanz soll die Nutzung des Formats in Zukunft weiter etabliert werden, mit dem Ziel, die Anzahl externer Partner, mit denen per ReqIF produktiv ausgetauscht wird, zu erhöhen.

Zusätzlich wird derzeit in weiteren Pilotprojekten die Verknüpfung von ReqIF mit weiteren Standardformaten untersucht. Ein Beispiel hierfür ist die Kopplung von ReqIF mit JT, der Verbindung von der Geometrie einer Komponente mit den dazugehörigen Anforderungen. Die Kopplung der beiden Formate wurde auf dem JT Day vorgestellt, der vom prostep ivip Verein organisiert wurde und im Oktober 2017 bei Bosch in Renningen stattgefunden hat.

ReqIF im modellbasierten Systems Engineering

Im Zuge des Wandels hin zu einer modellbasierten Produktbeschreibung wird ReqIF neben anderen Standards sowohl unternehmensintern als auch -übergreifend eine Rolle spielen. Intern kann der ReqIF-Standard in Migrationsprozessen zwischen den Requirements Engineering Tools nutzbringend eingesetzt werden. Firmenübergreifend werden aktuell die Prozesse und Standards für ein kollaboratives modellbasiertes Systems Engineering geschaffen. Diese werden branchenübergreifend auch im Rahmen der Standardization Strategy Boards von prostep ivip und VDA diskutiert.

Nachdem der textbasierte Anforderungsaustausch mittels ReqIF bei Daimler reibungslos funktioniert, soll im nächsten Schritt die Kombination von Anforderungen und Modellen, die in SysML beschrieben sind, fokussiert werden. Zudem müssen zugehörige Austauschformate, wie beispielsweise XMI, für das kollaborative modellbasierte Systems Engineering betrachtet werden.

Zusammenfassend ist festzustellen, dass sich Daimler in diesem Kontext auf die steigende Komplexität von Entwicklungen, verkürzte Entwicklungsprozessketten und die durchgängige digitale Unterstützung des Produktlebenszyklus konzentriert. Dabei muss die nötige Schnelligkeit und Agilität in Kollaborations- und Entwicklungsprozessen sichergestellt werden. Standards sind für Daimler der Enabler, um die Herausforderungen bei der Integration externer Partner zu überwinden.sg |

Autor: Vanessa Sehon, Engineering Collaboration Concepts & Standards bei Daimler AG.

0
RSS Feed

Hat Ihnen der Artikel gefallen?
Abonnieren Sie doch unseren Newsletter und verpassen Sie keinen Artikel mehr.

Mit einem * gekennzeichnete Felder sind Pflichtfelder!

Neuen Kommentar schreiben

Entdecken Sie die Printmagazine des WIN-Verlags