Meinung: Risikomanagement geht vor Regionalisierung der Lieferketten

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Die Corona-Krise hat für die Elektronikbranche eine Wahrheit offenbart: Die Abhängigkeit der EU von chinesischen Lieferketten ist enorm groß. Was ist zu tun?
Elektronik-Bauteile

Quelle: YouraPechkin/Shutterstock

Durch fehlende Komponenten wie Sensoren, ICs, Leiterplatten oder LEDs aus dem Reich der Mitte stocken auch deutsche Produktionen. Um künftige Engpässe zu verhindern und krisensicherer zu werden, beschäftigen sich Unternehmen nun mit einer möglichen Regionalisierung ihrer Lieferketten. Christian Reinwald, Head of Product Management & Marketing bei Reichelt Elektronik, erklärt, warum dies nur begrenzt möglich ist – und warum eine vorübergehende deutliche Erhöhung der Bestände, verbunden mit gutem Risikomanagement, das Mittel der Wahl ist.

Preisdruck verhindert Regionalisierung

ReinwaldQuelle: Reichelt Elektronik
Eine Regionalisierung der Lieferketten hält Christian Reinwald für wirtschaftlich nicht tragbar.

Auf dem Papier hat der regionale Bezug von Komponenten einige Vorteile – zum Beispiel weniger Abhängigkeit von Supermächten wie China oder den USA sowie geringerer CO2-Ausstoß durch den Transport. Für einige Branchen funktioniert diese Regionalisierung. Doch in der Elektronikbranche zeigt sich seit Jahrzehnten eine paradoxe, gegenläufige Entwicklung: Während High-Tech-Produkte immer komplexer und leistungsstärker werden, entwickeln sich die Preise immer weiter nach unten. Es herrscht hohe Preistransparenz und gerade im Bereich Consumer Electronics und IT erwarten Endkunden hochwertige Produkte – direkt „am nächsten Tag“ geliefert. Obwohl bei der Produktion von Elektronik wertvolle Stoffe und Metalle wie Lithium oder Gold zum Einsatz kommen, werden Produktlebenszyklen immer kürzer.

Genau diese Umstände gestalten eine Regionalisierung im Elektronikbereich sehr herausfordernd. Komplexe High-Tech-Komponenten wie Microprozessoren, Kondensatoren, Widerstände oder Lithium-Batterien sind aufwendig in der Produktion und können nicht ohne weiteres innerhalb kurzer Zeit in Deutschland produziert werden. Knowhow, Umweltauflagen und Kostenfaktoren wie Sozialabgaben, Energiepreise und das Lohnniveau lassen sich kurzfristig in Europa nur schwer an das asiatische Niveau angleichen. Fernost-Hersteller werden auch nicht tatenlos zusehen und ihren Vorsprung aufgeben.

Smartes Risikomanagement statt Regionalisierung der Lieferketten

Doch welche Alternativen haben Unternehmen, die stark von asiatischen oder auch amerikanischen Bauteilen abhängig sind? Die Krise ist noch längst nicht überstanden, im ersten Halbjahr 2021 werden weitere, globale Elektronik-Lieferketten reißen – es muss also eine Lösung her.

Wir haben es mit einer Situation zu tun, die nicht vergleichbar ist mit Zwischenfällen wie zum Beispiel einem Brand in einer einzelnen Halbleiterfabrik in Asien. Die feinverästelten, global gesponnenen Produktions- und Logistiknetze sind alle von Engpässen und drohenden Pleiten betroffen, auch hier in Deutschland und Europa. Wir empfehlen unseren Kunden, dass sie sich kurzfristig mit dem nötigen Bedarf an Komponenten eindecken.

Zunächst müssen kritische Bauteile in Applikationen identifiziert werden – anschließend sollte der Bestand dieser Komponenten aufgestockt werden. Dazu müssen Redundanzen aufgebaut werden. Anstatt sich nur auf einen Hersteller oder Lieferanten zu verlassen, sollte man Ersatzlieferanten finden, um das Ausfallrisiko zu senken.

Angesichts der aktuellen Situation ist es sinnvoller, vor allem in Anbetracht der Zinslage, ein größeres Komponentenlager zu betreiben und wichtige Bestandteile der Produkte auf Vorrat zu haben. Deutliche Preissteigerungen sind nach einer kurzen deflatorischen Phase mittelfristig ohnehin wahrscheinlich. Gutes Risiko- und Obsolescence-Management bieten wahrscheinlich bessere Chancen durch die Krise zu kommen, als auf eine Regionalisierung der Lieferketten zu hoffen, die unter zeitlichen und wirtschaftlichen Aspekten wohl kaum tragfähig ist.

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