Anforderungsmanagement: ReqIF-Pilotprojekte

0

Der ProSTEP iViP Verein konnte im Frühjahr 2011 einen wichtigen Erfolg vermelden: ReqIF wurde offiziell zum international anerkannten Standard der Object Management Group (OMG). Das war das Ziel der Herstellerinitiative Software (HIS) der Automobilindustrie. Gleichzeitig wurde die Weiterentwicklung des Vorgängers RIF, der es allerdings nie zum internationalen Standard geschafft hatte, eingestellt. Doch erst im Frühjahr 2015 kam Bewegung in die Szene. Dr. Siegmar Haasis, CIO ­Research and Development Mercedes-Benz Cars der Daimler AG, forderte die Community in seiner Keynote auf dem „ProSTEP iViP Symposium 2015“ auf, den Standard tatsächlich zu nutzen und die Prozesse entsprechend zu standardisieren.
Die dabei angekündigten Pilotprojekte hat Daimler inzwischen mit Continental und AVL in Angriff genommen und bis auf einzelne Teile bereits abgeschlossen. Dabei hat sich gezeigt, dass der Standard reif ist, um ihn in der Breite einzusetzen.
Die Piloten mit den beiden Zulieferern verfolgten zwei Ziele: Einerseits sollten die spezifischen Anforderungsdaten in den Austauschdateien unter die Lupe genommen werden, die erfahrungsgemäß zu Schwierigkeiten in der Kommunikation der beteiligten Systeme führen können. Andererseits sollte ein Vergleich mit Echtdaten eines mit bisherigen Methoden durchgeführten Projekts vorgenommen werden.
Für den ersten Test generierte man aus Sicht der IT ein Testmodul und die „Regieanweisungen“ für die Durchführung von zwei sogenannten „Roundtrips“. Ein Roundtrip umfasste die folgenden Schritte:

  • Export der Testdaten einschließlich S­tatusänderungen und Kommentare in eine ReqIF-Austauschdatei bei Daimler.
  • Import der Daten aus ReqIF zur Bearbeitung der Anforderungen auf Lieferantenseite (Continental, AVL).
  • Export einer bearbeiteten ReqIF-Austauschdatei durch den Lieferanten.
  • Re-Import der veränderten Daten bei Daimler.

ReqIF-Datenaustausch (Folie aus der Keynote von Dr. Siegmar Haasis auf dem Daimler EDM CAE Forum 2015).

 

Ergänzt wurden die Testmodule durch Archivdaten von Continental sowie AVL, die zusätzlichen Aufschluss hinsichtlich bestimmter Datentypen gaben. Gleichzeitig erwiesen sich mit diesen Daten auch weitere Unterschiede in den Implementierungen von ReqIF durch die Systemanbieter.
Daimler testete mit dem Requirements-Management (RM)-Tool DOORS und dem ebenfalls von IBM stammenden Konverter DOORS eXchange. Auf Seiten von Continental ist für das RM ebenfalls DOORS im Einsatz, als Konverter kommt aber PTC ­Requirements Connector zum Zug. Bei AVL nutzte man PTC Integrity für das Requirements Management, für den Austausch ebenfalls PTC Requirements Connector, allerdings in einer anderen Version als bei Continental.

Implementierungen auf dem richtigen Weg

Ohne auf die Ergebnisse des Tests in Bits und Bytes eingehen zu wollen, erlauben die Resultate bereits wichtige Aussagen über den Standard ReqIF und seine Implementierungen.
Das Standardformat selbst bedarf keiner Änderung. ReqIF ist so beschaffen, dass sich Anforderungsdaten sowie die erforderlichen Attribute zwischen Beteiligten mit unterschiedlichen Tools verlustfrei austauschen lassen.
Erst im Praxistest – deswegen sind solche Pilotprojekte so wichtig und sollten unbedingt weitere Nachahmer finden – zeigten sich einige Schwachstellen der beteiligten Implementierungen, die man teilweise schon während des Tests beheben konnte. Im Übrigen wird sich das ProSTEP-iViP-Implementor-Forum nun mit den Ergebnissen befassen.
Wenn es in einer Implementierung eine Schwäche gibt, lässt sie sich – sofern bekannt – auch auf der anderen Seite des Austauschs berücksichtigen. Der Austausch erfolgt trotzdem vollständig.
Während der Tests sind nur kleine Probleme aufgetreten. Beispielsweise gab es für Überschriften oder Farbdarstellungen nicht immer dieselbe Codierung. In Einzelfällen wurden OLE-Objekte wie Bilder behandelt, bei einzelnen Attributen kam es im ersten Anlauf zu einer fehlerhaften Zuordnung. Mit Continental haben sich beide Roundtrips zufriedenstellend abschließen lassen. Mit AVL steht der zweite Roundtrip noch aus.
Mit Continental konnte man auch den Test mit Echtdaten bereits erfolgreich beenden. Hier hatten sich die Partner auf Daten aus einem Projekt zur Entwicklung eines Bremssteuergeräts verständigt. Parallel zu den Daten aus diesem Projekt im ursprünglich von beiden Seiten verwendeten nativen Format eXchange exportierte man dieselben Daten auch über eine ReqIF-Austauschdatei von Daimler. Ohne Unterschied konnten die Daten bei Continental vollständig importiert und bearbeitet werden. Und auch am Ende des Durchlaufs sind die bearbeiteten Daten über ReqIF bei Daimler im selben Umfang angekommen wie beim echten Projekt.

Motivation für den Einsatz von Engineering-IT-Standards (Folie aus der Keynote von Dr. Siegmar Haasis auf dem Daimler EDM CAE Forum 2015).


Damit hat der Pilotaustausch bewiesen: Bei der Nutzung von ReqIF ergeben sich für die beteiligten Parteien keineswegs Einschränkungen hinsichtlich der Vollständigkeit und Aussagefähigkeit der Daten. Vielmehr lassen sich nun, da es sich um einen stetig weiterentwickelten, international anerkannten Standard handelt, auch Requirements in globalen Entwicklungsprojekten sicher austauschen. Die Partner haben in ihren Prozessen stets die Gewissheit, dass sich beide Seiten auf exakt dieselben Daten beziehen.

Standardisierung als strategisches Thema

ReqIF gehört für Daimler zu den strategisch als wichtig eingestuften Standards neben anderen wie dem neutralen CAD-Datenformat JT. Wie wichtig solche En­gineering-IT-Standards sind, hat Daimler mit JT in den letzten Jahren hautnah erfahren. Beim Projekt PLM2015 kam dem Automobilisten nämlich zugute, dass man alle CAD-Modelle im Haus nicht nur im nativen Catia-Format speicherte, sondern zugleich auch in JT. Daimler konnte so den Umstieg von Catia nach NX in kürzerer Zeit als geplant abschließen.
Daimler hat sich für die Bildung eines Standardization Strategy Board (SSB) im VDA und ProSTEP iViP Verein stark gemacht und dafür auch gleich die Leitung übernommen. Momentan gehören diesem Kreis BMW, Continental, Daimler, Ford und Volkswagen an, ihre Teilnahme bereits zugesagt haben darüber hinaus AVL, Bosch und Schaeffler. Eines der ersten Fokusthemen wird die Umsetzung und Etablierung des Standards ReqIF sein.
Aus den Pilotprojekten haben sich erste Konsequenzen ergeben. Der ProSTEP iViP Verein hat im November 2015 die Gründung eines ReqIF-Workflow-Forums beschlossen. Dieses soll eine Spezifizierung von Use Cases in Verbindung mit der Ableitung von Prozessanforderungen gemäß den Testfällen vornehmen. Vor allem aber möchte man damit die internationale ­Anwendungsbasis deutlich verbeitern. In Kürze soll dazu eine ReqIF-Workflow-­Forum-Roadmap veröffentlicht werden.

Scope Standardization Strategy Board inklusive Einordnung von Engineering-IT-Standards (in Anlehnung an Professor Dr. Martin Eigner, 2014).


Zugleich hat sich das ReqIF-Implementor-Forum, in dem sich Tool-Hersteller und Dienstleistungsanbieter über die Implementierung des Standards in ihren Systemen verständigen, neue Ziele gesetzt. Man plant, die Ergebnisse der beschriebenen ­Pilot-Tests in ein Update der Richtlinien zur Implementierung einfließen zu lassen (Implementation Guidelines).
Daimler jedenfalls sieht sich in seiner Standardisierungsstrategie bestärkt. Der Hersteller will jetzt mit einem weiteren Schritt vorangehen. Man möchte ReqIF als Austauschwerkzeug für die Kommunikation von Anforderungen mit Zulieferern und Partnern (Joint Ventures, OEMs usw.) qualifizieren, einschließlich dabei zugrunde zu legender konkreter Qualitätskriterien. Bereits 2016 will Daimler die Umsetzung im Konzern produktiv ausrollen. Nach einigen Jahren Funkstille geht jetzt alles sehr schnell. (rt)

Ulrich Sendler ist unabhängiger Technologieanalyst und Autor in München.

RSS Feed

Kommentare

Es gibt noch einen weiteren Aspekt, der maßgeblich zum Erfolg von ReqIF beigetragen hat: Es gibt eine quelloffene Referenzimplementierung von ReqIF, Eclipse RMF ( http://eclipse.org/rmf ). Diese wurde übrigens vom ProStep Implementor Forum für die Testgenerierung und Validierung eingesetzt. Ähnlich wie der Standard selbst liegt die Referenzimplementierung bei einer gemeinnützigen Organisation, der Eclipse Foundation.

Inzwischen integrieren viele ReqIF-Werkzeuge Eclipse RMF als Engine, was Interoperabilität drastisch erhöht. Es gibt ein auf RMF basierendes Werkzeug, ReqIF Studio, welches sofort ReqIF-Dateien anzeigen, bearbeiten und validieren kann. Das senkt die Einstiegshürde drastisch. Es erhöht auch die Sichtbarkeit von ReqIF jenseits der Automobilindustrie.

Eclipse RMF und ReqIF Studio werden jeden Monat von weit über 1000 Nutzern heruntergeladen, was das Interesse an ReqIF klar bestätigt. Für Interessierte gibt es den kostenlosen Download unter https://reqif.academy .

Neuen Kommentar schreiben

Entdecken Sie die Printmagazine des WIN-Verlags