16.12.2021 – Kategorie: Fertigung & Prototyping

Digitalisierung im Maschinenbau: So klappt es reibungslos

Digitalisierung im MaschinenbauQuelle: Dr. Tretter Maschinenelemente

Die Corona-Pandemie hat viele Maschinenbauer an ihre Grenzen gebracht, so auch die Dr. Tretter Maschinenelemente. Doch trotz Umsatzeinbrüchen können Krisen auch eine heilende Wirkung haben.

„Die Corona-Pandemie hat die Vorteile der Digitalisierung in den vergangenen Monaten immer sichtbarer gemacht. Gleichzeitig schien es auch so, als ob die Hürden auf dem Weg dahin immer weiter sinken würden“, bemerkt Tassilo Tretter. Mit dem Unternehmen Dr. Tretter Maschinenelemente fertigt er Lineartechnik, insbesondere für den Sondermaschinenbau. Die Digitalisierung im Maschinenbau ist bei dem Hersteller schon seit einiger Zeit ein Thema, allerdings verlief die Umsetzung bis zum Beginn der Pandemie nur langsam.

Digitalisierung im Maschinenbau

Als Dr. Tretter die Strategie für 2020 definierte, war von ­Covid-19 noch keine Rede. Das Ziel hieß damals, die Fertigungstiefe zu erhöhen. Um komplexe Bauteile noch präziser und effizienter herstellen zu können, investiert der schwäbische Anbieter schon seit Jahren verstärkt in die Fertigung. So haben sich Neuanschaffungen wie eine leistungsfähigere Drehmaschine mit angetriebenen Werkzeugen und Stangenlader von einem renommierten deutschen Hersteller schneller als geplant gelohnt. Mit der neuen Maschine lassen sich nun auch mittlere Serien kosteneffizient bearbeiten. Und die Kunden profitieren am Ende von höchster Qualität zu einem attraktiven Preis.

Mit den steigenden Kundenansprüchen im Blick investierte Dr. Tretter vergangenes Jahr auch in eine eigene Laserbeschriftungsmaschine. Das größte Projekt war jedoch die Übernahme des langjährigen Partners IGT aus dem westfälischen Schwelm. „Dadurch konnten wir unsere Fertigungstiefe von der Veredelung hin zur Herstellung von Gewindetrieben weiter steigern“, berichtet Tassilo Tretter.

Weitere Umsetzung der Digitalisierung

Ein weiteres strategisches Steckenpferd ist die konkrete Umsetzung der Digitalisierung im eigenen Haus. „Wir sehen darin einen Weg, unsere Zeit noch sinnvoller zu nutzen und uns mehr um unsere Kunden und weniger um interne Prozesse zu kümmern. Haben wir digital erstmal alles sauber hinterlegt, profitieren wir von der Einfachheit und sparen wertvolle Zeit und Kosten“, ist Tassilo Tretter überzeugt. Um persönliche Kontakte im Unternehmen zu reduzieren, schickte Dr. Tretter sein Personal teilweise ins Homeoffice. Damit war es nicht mehr möglich, einfach mal ein Dokument über den Tisch zu reichen. Das Unternehmen hat in dieser Situation die Chance ergriffen, mit neuen Arbeitsweisen im Vertriebs­team Papier einzusparen. Zudem wurden bestimmte Prozesse digitalisiert, um verschiedene Fehlerquellen zu eliminieren.

Digitalisierung im Maschinenbau
Zahlreiche Prozesse wurden bei Dr. Tretter digitalisiert, um mögliche Fehlerquellen zu reduzieren. Bild: Dr. Tretter Maschinenelemente

Und genau das schaffte auch ein besseres Bewusstsein für typische Probleme im Lager. Bis dahin wurden Lagerplatzbeschriftungen bis hin zur Auftragsabwicklung vorwiegend handschriftlich erfasst. Dabei entstanden Fehler. Zudem erforderte die Kommissionierung einen hohen Suchaufwand. Mitten in der Pandemie haben die Verantwortlichen gemeinsam mit Studierenden der ESB Business School in Reutlingen ein Digitalisierungskonzept mit Handscannern im Lager umgesetzt. „Hierbei haben wir es geschafft, konkrete Lösungen zu erarbeiten und mit einem straffen Zeitplan umzusetzen – fast ausschließlich in digitalen Arbeitsformaten“, berichtet Tassilo Tretter. Im Rahmen einer Projektarbeit wurden Schwachstellen und Fehlerquellen in den Abläufen analysiert, Prozesse beim Kommissionieren und im Wareneingang optimiert und mittels Barcodes und Handscannern letztlich digitalisiert.

Digitalisierung im Maschinenbau: Die Grundlagen für die Kommunikation

„Das Projekt war nur möglich, weil wir online über eine Business-Software Video- und Web-Konferenzen mit beliebig vielen Personen abhalten konnten und eine gemeinsame Plattform für den Datenaustausch und der Zusammenarbeit nutzten“, sagt der Geschäftsführer. „Schon vor dem Studienprojekt haben wir uns angesichts der Pandemie zügig für diese Software entschieden, um die Interaktionen der Mitarbeiter im Homeoffice sowie mit Kunden möglichst auf hohem Niveau zu halten.“

Auf die geänderte Kommunikation über das Web mussten sich auch die Außendienstmitarbeiter einstellen. „Ihre Paradedisziplin ist die direkte Auseinandersetzung beim Kunden vor Ort – am besten an der entsprechenden Maschine“, erzählt der Geschäftsführer. Doch durch die Kontaktbeschränkungen und den Vorgaben der Firmenleiter war es kaum noch möglich, Termine vor Ort zu bekommen.

„Der persönliche Kontakt ist durch nichts zu ersetzen. Aber via Webmeeting können wir mit unseren Kunden in Kontakt bleiben und uns bei der Beratung in die Augen blicken – hier geht es ja schließlich auch um Vertrauen“, ist Tretter überzeugt. Die Mitarbeiter stellen Produkte vor oder fertigen Skizzen auf einem geteilten Bildschirm an. Das klappt sehr gut, wenn der Gegenüber das nötige Werkzeug hat und sich darauf einlässt. So gut, dass auch die Frage aufkam: Wie häufig müssen Kundenbesuche künftig noch stattfinden?

Digitalisierung im Maschinenbau
Das Hartwirbeln ist eine spanabhebende Fertigung, bei der die Kugellaufbahnen in das bereits gehärtete Spindelmaterial gewirbelt werden. Bild: Dr. Tretter Maschinenelemente

Service-Anfragen in der Pandemie

„Viele Service-Anfragen unserer Kunden können wir schon am Telefon beantworten“, weiß Tretter. Bei Beratungen greifen die Experten nun auch immer häufiger auf Web-Meetings zurück. Aber natürlich fahren die Mitarbeiter in dringenden Fällen auch zu den Kunden vor Ort – unter Einhaltung der Hygienemaßnahmen. Zum Beispiel, wenn es um die Frage geht: Wie ersetze ich defekte Komponenten einer Maschine, deren Hersteller nicht mehr existiert? Genau dieser Fall trat kürzlich bei einem Kunden ein. Die Anlage konnte nur mit Not am Laufen gehalten werden, zudem kündigte die Geräuschentwicklung den baldigen Totalausfall an. Da es den ursprünglichen Maschinenhersteller nicht mehr gab, sollte der technisch versierte Außendienst helfen. Bei einer ersten Inspektion konnte er die benötigten Bauteile identifizieren und deren Bevorratung sicherstellen.

Im zweiten Schritt half er mit, die defekten Teile während einer Wartungspause auszubauen. „Bei uns im Haus haben wir sie dann exakt analysiert, vermessen und binnen 24 Stunden neu gefertigt“, berichtet der Geschäftsführer. „Das war eine anspruchsvolle Aufgabenstellung angesichts des Zeitdrucks – und der Ungewissheit, ob wir das auch genauso hinbekommen. Aber wir haben es geschafft.“

Kunden schon online mit passenden Informationen versorgen

Eine wichtige Rolle für Bestands- und Neukunden spielt auch die Website bei der Digitalisierung im Maschinenbau. Denn häufig suchen die Kunden zuerst im Internet nach den passenden Lösungen, bevor sie eine konkrete Anfrage stellen. Dr. Tretter entwickelt daher seinen Internetauftritt kontinuierlich weiter. Der Besucher findet auf der Webseite alle relevanten Informationen zu den Produkten, die stets aktuell sind. Dazu kommen erklärende und fachlich fundierte Glossar-Texte hinzu. Der schwäbische Hersteller hat die vergangenen Monate auch genutzt, um eine neue CAD-Datenbank zu implementieren. Damit konnten bestehende Daten auf den neuesten Stand der Technik gebracht und die Datenbank komplettiert werden. Der Vorteil für den Nutzer besteht nun darin, dass er das gewünschte Produkt selbst konfigurieren und als Step-Datei in seine Konstruk­tionszeichnung übernehmen kann.

Die Autorin Jaqueline Tarnowski ist im Marketing bei Dr. Erich Tretter GmbH + Co tätig.

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