Die digitale Transformation während Corona: Was Unternehmen jetzt nicht verpassen dürfen

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Durch die wirtschaftlichen Folgen der Corona-Pandemie droht in vielen Unternehmen das wichtigste strategische Zukunftsprojekt – die digitale Transformation – unter die Räder zu kommen. Schließlich gibt es für viele Führungskräfte jetzt erst einmal deutlich drängendere Herausforderungen zu lösen. Gleichzeitig eröffnen die neuen Rahmenbedingungen auch zahlreiche Chancen für die Digitalisierung. Jetzt gilt es einen kühlen Kopf zu bewahren und die ­Digitalagenda sorgfältig neu zu justieren. Von Jan Rodig

Die Auswirkungen von Covid-19 haben die globale Wirtschaftsleistung dramatisch einbrechen lassen. Die Deutsche Bank erwartet für das Jahr 2020 ein um neun Prozent schrumpfendes deutsches Brutto­inlandsprodukt – der stärkste Rückgang seit Gründung der Bundesrepublik. Der ifo-Geschäftsklimaindex stürzte im April 2020 auf den niedrigsten jemals gemessenen Wert. Entsprechend entschieden versucht der Staat die Rezession einzudämmen und den ökonomischen Schaden abzumildern: Mehr als 1,3 Billionen Euro – der Großteil davon in Form staatlicher Kredite und Bürgschaften für Unternehmen – umfasste das erste Corona-Hilfsprogramm vom März in Deutschland. Eine weitere Aufstockung scheint wahrscheinlich.

„New Normal“ für Unternehmen: die digitale Transformation während Corona

Auch wenn sich die Auswirkungen der ­Corona-Pandemie auf die deutsche Unter­nehmenslandschaft gegenwärtig noch nicht abschließend beurteilen lassen, kann man bereits jetzt drei wesentliche Trends erkennen:

  1. Steigende „unproduktive“ Verschuldung: Viele Unternehmen nutzen die Notkredite gezwungenermaßen vor allem zur Verlustfinanzierung und Überlebenssicherung anstatt für Investitionen in künftige Ertragspotenziale, zum Beispiel den Aufbau neuer digitaler Services. Steigende Schuldzinsen sind die Folge, denen jedoch keine höheren Erträge gegenüberstehen.
  2. Steigende Operations-Kosten: Durch die Neuordnung von Lieferketten, die Schaffung von Redundanzen und die Verlagerung von Produktionsstandorten steigen die Kosten in zahlreichen Unternehmen, was die Profitabilität zusätzlich belastet.
  3. Langanhaltender Umsatzeinbruch: Der Anstieg von Kurzarbeit und Arbeitslosigkeit, die Zunahme von Insolvenzen sowie die Beeinträchtigung des globalen Handels werden in den meisten Branchen für längere Zeit zu Investitionszurückhaltung und Umsatzrückgängen führen. Eine schnelle, V-förmige Erholung der Wirtschaft wird zunehmend unwahrscheinlicher, so dass gerade in der besonders konjunktursensiblen Investitionsgüterindustrie – dem Rückgrat der deutschen Wirtschaft – längerfristig mit Umsatzeinbrüchen zu rechnen ist.

Die Kombination dieser Trends schränkt die Investitionsspielräume der meisten Industrieunternehmen über Jahre massiv ein. Waren schon vor der Krise die Budgets für wegweisende strategische Digitalisierungsprojekte, beispielsweise in innovative Services, Plattformen oder Geschäfts­modelle, eher spärlich gesät, droht die digitale Transformation nun endgültig ins Stocken zu geraten.

digitale Transformation (Corona)Quelle: Struktur Management Partner GmbH
Die fünf Ebenen der digitalen Transformation.

Die Fünf Ebenen der digitalen Transformation während Corona

Um die Folgen dieser Entwicklungen differenzierter zu verstehen, lohnt ein Blick auf die wesentlichen „Bausteine“ digitaler Transformationsvorhaben. Diese lassen sich entlang der logischen Strukturierung solcher Projekte auf fünf Ebenen einordnen, die im Folgenden betrachtet werden:

1. Digitale Vision und Strategie

Eine fundierte Digitalstrategie ist einer der wesentlichen Erfolgsfaktoren für das Gelingen einer digitalen Transformation. Ausgangspunkt sollte zunächst eine sorgfältige Analyse der individuellen digitalen Stärken, Schwächen, Chancen und Risiken des Unternehmens sein. Dabei werden alle wesentlichen Umfeldfaktoren (alte und neue Wettbewerber, Zulieferer, Plattformen, Kunden, regulatorische Trends, technologische Trends etc.) sowie Unternehmens­charakteristika betrachtet.

Alle diese Bereiche sind durch die aktuelle Krise signifikanten Veränderungen unterworfen. Daher müssen Digitalstrategien und die digitale Transformation (Corona) nun sorgfältig auf den Prüfstand gestellt werden. Folgende exemplarische Fragen helfen, den Anpassungs­bedarf systematisch zu verstehen:

  • Wie verändern sich die Bedürfnisse und Sichtweisen der Kunden? Hartnäckige Vorbehalte gegen Fernzugriffe auf Maschinen durch Hersteller zu Wartungszwecken lösen sich gegenwärtig in Luft auf, da ohne diese Funktion gravierende Nachteile drohen. Ein weiteres Beispiel ist steigender Bedarf nach Pay-per-Use-Abrechnungsmodellen aufgrund schwindender Budgets bei vielen Kunden.
  • Wie verändert sich die Wettbewerbslandschaft? Vielen aggressiven Startups geht das Geld aus, auch etablierte Unternehmen geraten ins Straucheln, digitale Ökosysteme werden neu sortiert. Damit bieten sich einzigartige Chancen, um begehrte Technologien, Teams oder ganze Unternehmen zu übernehmen.
  • Wie sind die strategischen Eckpfeiler des Unternehmens betroffen? Investitionsbudgets, personelle Ressourcen, Unternehmensstrategien und vieles mehr werden jetzt angepasst. Eine systematische Digitalstrategie wird noch erfolgskritischer als zuvor, um klar priorisieren zu können. Visionen wie „die weltweit führende digitale Plattform im Markt XYZ“ müssen hinterfragt werden.

2. Digitale Werthebel

Aus der Digitalstrategie lassen sich typischerweise klare Schwerpunkte und Prioritäten bezüglich der konkreten Ansatzpunkte ableiten, mit denen das Unternehmen durch die Digitalisierung Mehrwerte generieren kann. Diese lassen sich nach sechs Werthebeln kategorisieren: Effizienzsteigerung, Absatzsteigerung durch digitale Marketing- und Vertriebsmaßnahmen, bessere Entscheidungen auf Basis von Daten, Verbesserung des Kundenerlebnisses, zusätzliche Erlöse durch neue digitale Produkte und Services sowie neue Erlösquellen durch digitale Geschäftsmodelle.

Auch hier gibt es Anpassungs­bedarf durch die aktuelle Krise. Folgende exem­plarische Fragen helfen dabei, diese besser zu verstehen:

  • Welche Digitalmaßnahmen helfen bei der Liquiditätssicherung? Beispiele sind die Nutzung von digitalen Marktplätzen wie Amazon oder Alibaba zum Abverkauf von Restbeständen oder aber auch die Einstellung von Digital­aktivitäten mit niedriger Priorität.
  • Wie sind Amortisationszeiten der Digitalmaßnahmen? Eine konsequente Priorisierung schnell ertragswirksamer digitaler Ansätze, wie beispielsweise Robotic Process Automation in administrativen Bereichen (RPA, amortisiert sich oft in wenigen Monaten), sichert wertvollen finanziellen Spielraum.
  • Welche bisherigen Opportunitätskosten entfallen? Endlich lassen sich Retrofits auf dem Shopfloor angehen, wenn die Maschinen ohnehin längere Zeit nicht genutzt werden.
digitale Transformation (Corona)Quelle: Struktur Management Partner GmbH
Die sechs digitalen Werthebel.

3. Organisation, Kultur und Führung

Das häufig schwierigste Unterfangen im Rahmen einer digitalen Transformation: Die Anpassung von Strukturen und Prozessen sowie die Schaffung einer datengetriebenen, kundenzentrierten und agilen Unternehmenskultur. Dies ist essenziell, um die Anpassungsfähigkeit und Innovationsgeschwindigkeit nachhaltig zu steigern. Folgende Fragen helfen, aus der aktuellen Situation das Beste zu machen.

  • Welche digitalen Innovationseinheiten leisten tatsächlich einen Mehrwert? Es ist ein offenes Geheimnis, das die meisten Akzeleratoren, Digital Labs, Inkubatoren und ähnliche Einheiten eher symbolischen Charakter haben. Hier ist es an der Zeit für eine konsequente Neuaufstellung – oft gilt es, die Rahmenbedingungen für deren Agieren zu justieren.
  • Welche Möglichkeiten zum Ausprobieren neuer Formen der Zusammen­arbeit gibt es jetzt? Gezielte Trainings, Coachings und zeitliche Freiräume zum Ausprobieren neuer Führungs- und Organisationsmodelle vermitteln nicht vollständig ausgelasteten Mitarbeitern Wertschätzung und schaffen erste Kompetenzinseln.
  • Wie kann kontextuelle Ambidextrie verstärkt genutzt werden? Nicht ausgelastete Mitarbeiter aus dem Kerngeschäft können geschickt in die digitalen Innovationsprozesse einbezogen werden, indem sie bewusst Teile ihrer Arbeitszeit solchen Themen widmen.

4. Digitale Fähigkeiten

Ohne den Aufbau digitaler Kernkompetenzen kann keine digitale Transformation gelingen. Der spezifische Bedarf lässt sich systematisch aus der Digitalstrategie, den fokussierten Werthebeln sowie den Weichenstellungen auf der Ebene der Organisation, Kultur und Führung ableiten. Vier Kompetenzbereiche sind zu unterscheiden: Innovationsfähigkeit, Datenperformance, Kerntechnologien und Cyber Security. Folgende exemplarische Fragen sollten jetzt gestellt werden:

  • Welche Chancen bietet die aktuelle ­Arbeitsmarktsituation? Zahlreiche Digitalexperten werden sich beruflich neu orientieren müssen – langfristig ausgerichtete Unternehmen sollten jetzt gezielt ihre Digitalteams ausbauen.
  • Wie lassen sich digitale Weiterbildungsangebote optimal nutzen? Die generell gestiegene Online-Akzeptanz kann genutzt werden, um viele Trainings endlich effizient im Homeoffice durchzuführen und so wertvolle digitale Fähig­keiten zu schulen.
  • Welche Partnerschaften sind noch stabil und welche zusätzlichen Partner werden benötigt? Veränderte Investitionsbudgets zwingen zu verstärktem Eingehen externer Partnerschaften, um wertvolle Kompetenzen zu gewinnen. Jedoch sind Risikobewertungen nun umso wichtiger, um Ausfälle essenzieller Partner zu vermeiden.

5. Digitale Ökosysteme

Der Erfolg digitaler Ökosysteme ist nicht zu übersehen. Solche kundenzentrierten Netzwerke, über die Produkte und Services von verschiedenen Akteuren gebündelt angeboten und verwertet werden, maximieren den Mehrwert für den Kunden und heben Synergien zwischen den Angeboten der Partner. Ein Unternehmen kann unterschiedliche Rollen in einem digitalen Ökosystem einnehmen, beispielsweise als Anbieter einer Plattform, Systemintegrator, Content-Lieferant oder als zertifizierter Komponentenanbieter. Drei exemplarische Fragen helfen, um den Anpassungsbedarf auf dieser Ebene zu verstehen:

  • Welche Chancen für neue Ökosysteme ergeben sich? Durch die Krise entstandene neue Kundenbedürfnisse bieten einzigartige Chancen für die Etablierung neuer Ökosysteme zur Lösung komplexer Herausforderungen.
  • Welche Chancen ergeben sich in etablierten Ökosystemen? Durch die aktuellen Turbulenzen kann es zur Schieflage oder sogar Ausfällen wichtiger Partner in bestehenden digitalen Ökosystemen kommen. Das öffnet einigen Unternehmen lange verschlossen geglaubte Türen.
  • Wie können APIs das Angebot des Unternehmens attraktiver machen? Programmierschnittstellen sind ein mächtiges Werkzeug zum Aufbau eines komplementären Leistungsportfolios um das Angebot eines Unternehmens herum – auch ohne aufwändige Kooperationsgespräche.
digitale Transformation (Corona) Quelle: Struktur Management Partner GmbH
Fünf Thesen zur Digitalisierung in der Post-Corona-Welt.

Digitale Transformation (Corona): Fazit und Ausblick

Die Corona-Krise ist keinesfalls ein genereller Durchbruch für die Digitalisierung. Im Gegenteil: Die für unsere Volkswirtschaft langfristig lebenswichtigen Investitionen in innovative digitale Services, Plattformen und Geschäftsmodelle dürften durch austrocknende Budgets stark abnehmen. Gleichzeitig werden Liquiditätssicherung und Payback deutlich wichtiger für die Digitalagenda von Unternehmen. Wirkungsloses „Digitalisierungstheater“ sollte einem systematischen, wirksamen und konsequent wertorientierten Ansatz weichen, der die neuen Rahmenbedingungen optimal nutzt. Insbesondere langfristig ausgerichteten Unternehmen bieten sich im aktuellen Umfeld rare Chancen, um sich erhebliche digitale Wettbewerbsvorteile aufzubauen.

Es ist Zeit, Digitalstrategien grundlegend zu überarbeiten und das Beste aus der neuen Situation zu machen.

Jan Rodig ist Partner Digital Performance bei der Struktur Management Partner GmbH.

Lesen Sie auch: Besonders in Zeiten von Homeoffice: IT-Sicherheit muss gesichert sein

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