CAD: Interview zu SolidEdge ST6 mit Karsten Newbury von Siemens PLM Software

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Neben NX hat Siemens PLM Software das 3D-CAD-System Solid Edge im Portfolio. Das Digital Engineering Magazin (DEM) sprach mit Karsten Newbury, Senior Vice President für Mainstream-Engineering-Software, über die neue Version ST6 und wie er Solid Edge im Markt voranbringen möchte.

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DEM: Vor 10 Jahren habe ich selbst mit Solid Edge gearbeitet, damals galt es als einfach zu bedienendes System, als erstes System unter Windows begriff man es als wegweisend. Allerdings schien es immer im Schatten von anderen Systemen zu stehen. Was hat sich seither getan?
Karsten Newbury: Was Sie andeuten, haben wir bei der Übernahme von UGS im Jahr 2007 ähnlich eingeschätzt: Wir haben mit Solid Edge eine gute 3D-CAD-Lösung mit einem hohen Potenzial für Anwendungen in einem breiten Marktsegment unterhalb des NX-Portfolios und insbesondere im klassischen Maschinenbau. Die Kernintegration von UGS hat etwa eineinhalb Jahre in Anspruch genommen. 2009 haben wir dann ein globales Geschäftssegment um Solid Edge herum gebildet. Gleichzeitig haben wir auch die Software weiterentwickelt und sehr gute Fortschritte gemacht, sehen aber auch noch einen gewissen Weg vor uns. Unser spezieller Fokus liegt auf hochproduktiven Lösungen für mittelständische Unternehmen und wir wollen weitere Branchen wie die Konsumgüterindustrie erschließen. Wir grenzen uns dabei deutlich von NX ab, das eher Großkunden anspricht, die oft größere Gesamtlösungen und umfassende Systeme suchen. Wir bieten mit Solid Edge eine Lösung, die relativ schnell und erschwinglich einzuführen und erlernbar ist. Gleichzeitig wächst die Funktionalität stetig und hat bereits einen sehr guten Umfang angenommen.

DEM: Und jetzt gibt es eine aktualisierte Version – ST6 – was ist neu?
Karsten Newbury: Insgesamt gibt es 1.300 neue und überarbeitete Funktionen in Solid Edge ST6. Die meisten Neuerungen sind direkt vom Kunden getrieben. Besonders wichtig war für uns die Weiterentwicklung der Synchronous Technology (ST). ST ist ein Weg, den wir seit 2008 beschreiten und wir sehen darin eine neue Philosophie im 3D-CAD-Bereich, die neben der klassischen historienbasierten Erstellung der Modelle eine direkte Modellierung in 3D ermöglicht. Betrachten Sie ein Tasten-Handy: Das Keyboard ist so verteilt, dass es sich beispielsweise mit einer konstanten Steg- und Tastenbreite in das Gesamtmodell einpasst. Solche Abhängigkeiten erkennt ST und ermöglicht durch Ziehen an der Außenkontur des Handys die gleichzeitige Bearbeitung der Tastaturparameter und auch anderer Elemente. ST analysiert dazu das Modell über patentierte Werkzeuge und bestimmt beispielsweise Symmetrien und andere Zusammenhänge. Kerngedanke ist, dass die Konstruktionsabsicht im 3D-Modell steckt und nicht in der Baumstruktur oder Modellhistorie. Das ist ein sehr intuitiver Ansatz, der sich von der klassischen Arbeitsweise deutlich unterscheidet, bei der man oft mit Skizzen arbeitet, die man dann zu 3D-Körpern extrudiert. Dabei ist die Abmessung des Körpers in der Skizze definiert, will man ihn ändern, muss man in die richtige Skizze oder den Historienbaum eingreifen. Mit ST sind die Maße direkt in der 3D-Umgebung editierbar und Änderungen lassen sich so einfach und ohne Umweg ausführen.

DEM: Heißt das, dass Sie die historienbasierte Konstruktion ablösen wollen?
Karsten Newbury: Nein, die historienbasierte Konstruktion hat weiterhin ihr Metier. Beispielsweise wenn es gilt, eine komplette Industrie-Anlage auf Basis einer Skizze aufzubauen. Immer wenn Modelle in einer Richtung aufgebaut werden, erst Schritt A, dann B, dann C, dann kann die klassische Arbeitsweise punkten. Dann können auch Automatismen Zeit sparen. ST ist eine Ergänzung, wenn Flexibilität gefragt ist. Auch muss man beachten, dass manche Dinge in ST noch nicht existieren. In der Kernmodellierung sind wir schon sehr weit. Was wir noch nicht voll in ST implementiert haben, ist beispielsweise das Surfacing, also das Arbeiten mit Freiformflächen. Aber das ist nur eine Frage der Zeit; in künftigen Versionen wird die ST-Funktionalität immer weiter ausgebaut.

DEM: Wie grenzt sich Solid Edge von NX und der Konkurrenz ab?
Karsten Newbury: NX und Solid Edge basieren zwar auf der gleichen Technologie-Plattform und nutzen eine einheitliche Integration in die PLM-Plattform Teamcenter, aber es bestehen Unterschiede im User-Interface, der Zielgruppe und dem Funktionsumfang. Solid Edge ist auf einen breiten Markt abgestimmt, einfach zu erlernen und erschwinglich. NX ist unser High-End-Produkt, dessen Anwenderfreundlichkeit für den gebotenen großen Funktionsumfang sehr gut ist. Der Lernaufwand bei Solid Edge ist geringer, und dass bei einem sehr guten Preis-/Leistungsverhältnis. Als Hauptkonkurrenz sehen wir Inventor und Solid Works. Unsere Besonderheit gegenüber dem Wettbewerb in diesem Umfeld ist vor allem die ST, mit der wir eine erhöhte Produktivität beim Kunden schaffen. An dieser Stelle hält sich der Wettbewerb noch zurück und wir haben uns schon einen guten Vorsprung erarbeitet. Zudem bauen wir aktuell unsere Vertriebskanäle über unsere Channel-Partner weltweit aus, um die Vermarktung voranzutreiben. Wir krempeln also jetzt nach einiger Vorbereitung die Ärmel hoch, um noch besser in den Markt zu kommen.

DEM: Mit CAMWorks gibt es nun auch eine CAM-Integration, das kommt recht spät. Und warum greifen Sie nicht auf CAM Express zurück?
Karsten Newbury: Ja, wir sind hier zugegebener Maßen nicht die ersten, die eine CAM-Integration innerhalb des CAD-User-Interfaces anbieten. Bei uns stand vieles auf der Agenda, was uns dringlicher erschien, vor allem da es bereits CAM Express gab, eine sehr gute CAM-Lösung, die aber nicht direkt in das Solid Edge User-Interface integriert war. CAM Express ist natürlich weiterhin Teil der Siemens-PLM-Strategie und funktioniert zusammen mit Solid Edge. Für eine Solid Edge-Integration wollten wir jedoch auch eine Lösung, die für Solid Edge-Anwender sehr einfach nutzbar ist, eben weil sie direkt in das Solid Edge User-Interface integriert ist. Für den breiteren Markt haben wir ein System gesucht, das sich ebenso einfach erlernen lässt wie Solid Edge und das die passende Funktionalität mitbringt. Deshalb die Kooperation mit Geometric. Als besonderes Highlight sehen wir an dieser Stelle auch nicht die CAM-Integration, sondern die Kombination mit ST: Diese ist einzigartig im Markt und damit lassen sich technische Änderungen sehr schnell und intuitiv umsetzen, das Ganze mit einem automatischen Update der CNC-Programme.

DEM: Welche Themen waren Ihnen persönlich bei ST6 wichtig?
Karsten Newbury: Ein Gedanke, der mich besonders beschäftigt ist der, wie der User lernt, mit unseren Software-Systemen umzugehen und alle Potenziale für sich zu erkennen und zu nutzen. Zahlreichen Konstrukteuren fehlt die Zeit für regelmäßige und dezidierte Schulungen. Deshalb beschäftigen wir uns sehr mit dem Thema kontextbasiertes Lernen. Beispielsweise gibt es in ST6 eine Funktion, mit der Sie direkt Bildschirmvideos inklusive Ton aufzeichnen können. Die erstellten Videos lassen sich entweder innerhalb einer Firma als Lehrvideos austauschen oder direkt in einen bestimmten Bereich bei YouTube veröffentlichen. Gleichzeitig kann jeder Solid Edge-Anwender direkt auf YouTube suchen und bekommt dann eine Ergebnisliste aus dem Pool der Solid Edge-Lösungsvideos. Dabei ist es jedem selbst überlassen, ob er YouTube nutzt oder das Video innerhalb einer bestimmten Anwendergruppe austauscht. Zudem haben wir eine Online-Community etabliert, wo man Fragen stellen kann. Die Antworten kommen entweder von Siemens-Mitarbeitern, von einem unserer Partner oder von anderen Anwendern. Ich sehe hier ein großes Produktivitätspotenzial, wenn Anwender schnell Antworten auf Ihre Fragen erhalten.
Neben dem Thema Schulung und Lernen ist mir auch das Thema Lizenzen wichtig. Wir bieten beispielsweise nicht nur Voll-Lizenzen an, sondern auch flexible Modelle, mit denen sich unsere Software mieten lässt, um beispielsweise Projekte abzuwickeln. Zudem gibt es eine vollumfängliche 45-Tage-Trial-Version.

DEM: Haben Sie auch Ideen in Richtung Privatanwender? Beispielsweise für die  wachsende 3D-Druck-Gemeinde.
Karsten Newbury: Wir haben beispielsweise eine Kooperation mit Local Motors geschlossen, das ist eine Open Source Community, die das Fahrzeug „Rally-Fighter“ entwickelt hat. Für die so genannten Makers oder Enthusiasten haben wir mit „Design One“ ein Paket geschnürt, das für 20 US-Dollar erhältlich und für semi-kommerzielle Zwecke einsetzbar ist. Zusätzlich bieten wir für Studenten und Schüler eine kostenlose Version zum freien Download. Diese ist für den kompletten Lehrbereich freigegeben und die Modelle sind mit einem Wasserzeichen versehen. Diese Angebote machen es sehr einfach für Anwender, Solid Edge auch im Zusammenhang mit 3D-Druckern zu nutzen. Mein 9-jähriger Sohn arbeitet beispielsweise seit Version ST5 mit Solid Edge, und seit dem ich ihm einen 3D-Drucker geschenkt habe, ist er kaum noch zu halten. Das erste Modell, das er gedruckt hat, war ein Modellauto. Zudem hält er mit seinen Fragen auch unsere Online-Community auf Trab.

DEM: Vielen Dank für dieses Gespräch!

Die Fragen stellte Jan Bihn, Redakteur.

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