Autarke Wasseraufbereitung: Sicheres Trinkwasser für alle

Verantwortlicher Redakteur:in: Rainer Trummer 6 min Lesedauer

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Wasser ist in immer mehr Regionen Mangelware. Zudem ist das vorhandene Wasser oft nicht trinkbar. Das belgische Unternehmen Bosaq hat eine Lösung entwickelt, die überall auf der Welt aus Wasser jeder Qualität Trinkwasser generieren kann. Autark, zuverlässig und wartungsfrei.

(Quelle:  ifm electronic)
(Quelle: ifm electronic)

Autarke Wasseraufbereitung: Einwandfreies und sauberes Trinkwasser ist ein Menschenrecht“ – so beschlossen es die Vereinten Nationen bereits im Jahr 2010. Doch die Realität sieht anders aus: Mehr als zwei Milliarden Menschen trinken immer noch aus verunreinigten Wasserquellen und riskieren dabei, zu erkranken oder gar zu sterben.

Autarke Wasseraufbereitung für jedermann

Das Unternehmen Bosaq aus Deinze in Belgien hat sich das Ziel gesteckt, den Weg zu sauberem Wasser für jedermann überall auf der Welt aktiv voranzutreiben. Denn sicheres sauberes Wasser bringt nicht nur wirtschaftliche und soziale Stabilität sowie einen gesünderen Lebensstil in die entsprechenden Länder, es hat auch einen positiven Einfluss auf die Umwelt.

„Bosaq wurde gegründet, um eine der größten Herausforderungen zu bewältigen, mit denen wir als Menschheit konfrontiert sind“, erklärt Gründer und CEO Jacob Bossaer. „Wir leben in wasserarmen Gebieten mit einer wachsenden Weltbevölkerung. Wir versuchen, eine Lösung für diese Wasserknappheit zu finden, indem wir kreislauf­fähige Wassersysteme anbieten. Wir stellen sauberes und sicheres Trinkwasser aus jeder Quelle zur Verfügung, sei es Meerwasser, Flusswasser, Seewasser oder Regenwasser. Auch der Industrie stellen wir Wasser bereit. Ein Unternehmen nutzt Wasser aus einer beliebigen Quelle, das oftmals verschmutzt ist. Wir werten es so auf, dass es die notwendige Qualität hat, um wieder in den Prozess zu gelangen. Damit stellen wir den Wasserkreislauf innerhalb eines Unternehmens sicher.“

Die Idee entstand in der Antarktis

Die Idee begann in einer der abgelegensten Regionen auf diesem Planeten: der Princess Elisabeth Forschungsstation in der Antarktis. Jacob Bossaer verbrachte fünf aufeinanderfolgende Saisons als Wasseringenieur auf einer Expedition in der Antarktis. „Meine Aufgabe war es, ein Wasserkreislaufsystem zu bauen. Ich habe es in wenigen Wochen geschafft, ein System aufzubauen, das zu 100 Prozent mit erneuerbarer Energie betrieben wird. Und nach der Arbeit liest man natürlich auch ein bisschen in der Literatur und ich sah, dass 2,2 Milliarden Menschen weltweit keinen guten Zugang zu sauberem und sicherem Trinkwasser haben. 80 Prozent dieser Menschen leben dezentral in ländlichen Gebieten. Daraus entstand die Idee: Sicheres Trinkwasser für jedermann. Denn was ich in der Antarktis, in einer der lebensfeindlichsten Regionen der Welt, machen kann, das kann ich überall auf der Welt machen.“

Im Jahr 2017 hat sich Bossaer mit seinem langjährigen Freund Pieter Derboven zusammengetan und das Unternehmen gegründet. Derboven hatte in Chemieingenieurwesen promoviert und trug dazu bei, eine innovative und maßgeschneiderte Wassermanagementlösung bereitzustellen, die den Einsatz von Chemikalien sowie den Wartungsbedarf minimiert. Die Grundlage für Q-Drop war geschaffen: eine dezentrale, autarke Trinkwasseraufbereitungsanlage, die zu 100 Prozent mit erneuerbarer Energie betrieben wird – und noch dazu in einem Seecontainer transportiert und betrieben werden kann. Erst dadurch ist der dauerhafte Einsatz auch an entlegenen Orten auf dem Globus überhaupt erst möglich.

(Mit Solarpanelen auf dem Dach ist die Anlage unabhängig von der Energieversorgung und kann direkt dort aufgestellt werden, wo das Wasser benötigt wird. Anlagen im Dschungel müssen autark arbeiten. Bild: ifm electronic)
(Mit Solarpanelen auf dem Dach ist die Anlage unabhängig von der Energieversorgung und kann direkt dort aufgestellt werden, wo das Wasser benötigt wird. Anlagen im Dschungel müssen autark arbeiten. Bild: ifm electronic)

Dezentrale Anlagen sind eine Herausforderung

Pieter Derboven, Mitgründer und technischer Direktor bei Bosaq, erklärt: „Unsere Anlagen können eine Vielzahl verschiedener Wasser­typen aufbereiten. Das kann zum Beispiel Oberflächenwasser, Bohrlochwasser, Regenwasser oder aber Abwasser aus der Industrie sein.“ Bei den dezentralen Trinkwasseranwendungen orientiert er sich stets an der hohen Trinkwasserqualität europäischer Standards – auch bei internationalen Projekten. „Zudem setzen wir unsere Anlagen ein, um Prozesswasser im industriellen Umfeld zu generieren. Da gibt der Kunde die gewünschte Wasserqualität vor. Das kann demineralisiertes Wasser sein, es kann aber auch einfaches Trinkwasser sein.“

Für die Systeme verwendet das Unternehmen immer ein mehrstufiges Verfahren. In der Regel gibt es eine Vorfiltrationsstufe, dort werden Schmutz, größere Partikel und Schwebstoffe entfernt. Danach folgt die Membranfiltration, zum Beispiel eine Ultrafiltration, an die sich eine Umkehr­osmose anschließt.

„Bei der Trinkwasseraufbereitung reicht die Kapazität unserer Anlagen von einem halben bis hin zu zehn Kubikmetern pro Stunde. Bei den Systemen für die Industrie streben wir eine Kapazität von fünf bis 50 Kubikmetern pro Stunde an.“

Dezentrale Trinkwasseraufbereitungssysteme stellen ganz andere Herausforderungen als beispielsweise eine Industrieanlage. Zunächst einmal sind die Kosten für die Verlegung einer Weißwasserleitung in ein abgelegenes Dorf sehr hoch. „Deshalb installieren wir ein dezentrales System direkt vor Ort. Wir suchen nach lokalen Wasserquellen und bereiten diese dann auf die gewünschte Wasserqualität auf.“ Andere Herausforderungen sind zum Beispiel die Logistik beim Aufbau, die Zugänglichkeit, die Energieversorgung, aber auch qualifizierte und geschulte Leute, die diese Geräte vor Ort warten und bedienen können.

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Autarke Wasseraufbereitung mit System

Nicht selten stehen die Anlagen in Entwicklungsländern, etwa in kleinen Orten im Dschungel, in denen es keine ausreichende Versorgung mit elektrischer Energie gibt. Ein hoher Grad an Autarkie ist deshalb eine grundlegende Voraussetzung, die es durch innovative Maßnahmen umzusetzen galt. „Wir waren also gezwungen, eine Menge innovativer Lösungen zu entwickeln“, berichtet Derboven. „So verfügen unsere Anlagen über ein von uns entwickeltes automatisches Membran-Reinigungsmodul.“ Die Anlagen können auch völlig netzunabhängig arbeiten, dafür sorgt eine eigene Solaranlage auf dem Containerdach. Und zu guter Letzt lassen sich die Systeme dank IoT-Lösungen aus der Ferne überwachen. „Wir setzen zudem auf KI und bekommen frühzeitige Meldungen vom System, noch bevor ein Prozess­parameter eine kritische Warnstufe erreicht.“ Über Remote Access hat das Unternehmen von der Zentrale in Belgien aus Zugang zu allen Filtrationsanlagen weltweit.

(Der Strömungssensor SA5000 erlaubt die gleichzeitige Messung von Strömung und Temperatur. Bild: ifm electronic)
(Der Strömungssensor SA5000 erlaubt die gleichzeitige Messung von Strömung und Temperatur. Bild: ifm electronic)

Sensoren überwachen den Prozess

In der Prozessüberwachung sind zahlreiche Sensoren zur Steuerung und Überwachung im Einsatz. Dabei hat sich das Unternehmen mit dem Automatisierungsspezialisten ifm einen starken Partner an seine Seite geholt. Derboven erzählt, wie und warum die beiden Unternehmen zusammenkamen: „Wir haben IFM 2019 auf einer Innovationsmesse kennengelernt und sofort die potenziellen Vorteile der Sensoren für unsere Systeme erkannt: Sie sind kompakt, robust, und es gibt eine Menge Anwendungsfälle. Wir haben uns nach Referenzen umgesehen und positive Rückmeldungen erhalten. So haben wir beschlossen, die Sensoren in unseren ersten fünf Trinkwasseraufbereitungssystemen in Surinam einzusetzen.“

Den eigentlichen Filtrationsprozess überwachen drei verschiedene Arten von Sensoren. „Das sind die Betriebsparameter des Prozesses, also Temperatur, Druck und Durchfluss. Die Temperatur zum Beispiel ist ein entscheidender Parameter, um Einblicke in die tatsächliche Filtrationsleistung zu erhalten, da sie direkt die Durchlässigkeit der Membran bestimmt. Andererseits sind Durchfluss und Druck die Hauptsteuerungsparameter für unsere Filtrationsprozesse, die ebenfalls stark korrelieren. Die Messwerte bestimmen zum Beispiel, wann Spülschritte benötigt werden“, so Derboven.

Für die Zukunft plant Bosaq den Einsatz weiterer Sensor-Typen. „Aktuell arbeiten wir an einer Anlage für die autarke Wasseraufbereitung eines Industriekundens. Dort werden wir Vibrationssensoren an den Pumpen installieren. Damit bekommen wir Einblick in den Zustand der Pumpen. Diese Informationen sind entscheidend für die KI-basierte Opti­mierung der Anlage, eine unserer Stärken bei der industriellen Vermarktung.“ Anbahnender Verschleiß lässt sich frühzeitig erkennen und Wartungsmaßnahmen rechtzeitig planen. „Dann gibt es noch den neuen Leitfähigkeitssenor LDL101, den wir zur Messung der Wasserqualität einsetzen und damit sicherstellen, dass die Filtrationsanlage die Produktspezifikationen erfüllt, die unser Kunde vorgibt.“

Fazit: Um eine gleichbleibend hochwertige Trinkwasserversorgung und kreislauffähige Prozesswasserkreisläufe in der Industrie auch an den entlegensten Orten der Welt zu gewährleisten, sind zuverlässige Lösungen für eine autarke Wasseraufbereitung gefragt. Leistungsfähige Sensoren helfen nicht nur, den Prozess optimal zu steuern. Auch die Anlage an sich wird sensorisch überwacht, damit mögliche kritische Zustände frühzeitig erkannt und behoben werden können. So kann das Ziel, die Brauchwasserversorgung zu sichern und die Trinkwasserversorgung der Menschen weltweit zu verbessern, langfristig und zuverlässig umgesetzt werden.

Der Autor Andreas Biniasch ist Redakteur bei ifm electronic.

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