CeBIT 2016: Wearables am Scheideweg

Ob am Handgelenk, in der Schuhsohle oder als Smart Glasses auf der Nase – Wearables wird von vielen Marktexperten ein großer Boom in den nächsten Jahren vorausgesagt. Die Anwendungen sind vielfältig, doch Datensicherheit bleibt eine Achillesferse, wie die Ende September erstmals ausgerichtete Cebit-Konferenz in Bonn gezeigt hat.

Von der Cebit-Konferenz „Wearable Technologies & Digital Health“ Ende September in Bonn bis zur Cebit 2016 im März in Hannover: Virtual Reality-Brillen, Smartuhren und Aktivitätstracker gelten als der nächste große mobile Trend nach dem Smartphone-Boom. Die Einsatzmöglichkeiten der Mini-PCs für den Körper sind fast grenzenlos – von der Medizin über die Logistik bis zur intelligenten Kleidung. Auch beim Megatrend „Internet of Things“ spielen Wearables eine immer größere Rolle.

Wearables wirken auf Hacker anziehend

Doch wie steht es um die Datensicherheit der neuen Gerätegattung? Angesichts des anhaltenden „Bring your own device“-Trends, der dafür sorgt, dass sich neuerdings immer mehr privat erworbene Fitnesstracker und Smartuhren in Firmennetze einklinken können, bemängeln IT-Experten die mangelnden Sicherheitsvorkehrungen. „Auf den ersten Blick sorgen nicht vorhandene Authentifizierungsfunktionen für eine einfachere Bedienung – aber die Gefahr, dass persönliche oder gar unternehmenseigene Daten kompromittiert werden, ist viel zu groß, als dass man sie ignorieren kann“, betonte zum Beispiel Udo Schneider vom japanischen IT-Sicherheitsanbieter Trend Micro. Für Datenbrillen ist das Thema Sicherheit von ähnlich großer Bedeutung. Wer etwa mit Smart Glasses über ein Funknetz online geht, droht im ungünstigsten Fall zum Opfer eines Hackers zu werden, der unbemerkt Daten abgreift. Die Nutzung einer Smartwatch birgt ebenfalls gewisse Risiken. Hier können Kriminelle über Apps Spyware oder andere Schädlinge einschleusen – ähnlich wie bei einem Handy.

Elektronik zum Anziehen damals und Wearables von heute

Elektronik zum Anziehen gibt es fast schon so lange wie Personal Computer: Vor rund 30 Jahren brachten Hersteller wie Casio Armbanduhren mit Digitalanzeige und Taschenrechner auf den Markt. Doch vom Zeitalter der Vernetzung war die klobige Elektronik fürs Handgelenk noch Lichtjahre entfernt. Die Wearables von heute dagegen kommunizieren ganz selbstverständlich mit Smartphones, Heizungen oder Maschinen, kontrollieren den Herzschlag oder ermöglichen die Erforschung virtueller Welten. Besonders beliebt sind vernetzte Uhren und Armbänder für den Sporteinsatz, die mit Apps kommunizieren können.

Human-Computer-Interfaces erobern zunehmend auch den Businessbereich. Dort ermöglichen sie nicht nur effizientere Prozesse in Industrie und Handel, sondern revolutionieren auch den Gesundheitssektor: Hier erfasst die smarte Elektronik Daten zur medizinischen Gesundheitsvorsorge und Langzeitüberwachung, was eine schnellere und genauere Diagnostik ermöglicht und die Behandlung chronischer Krankheiten erleichtert. Darüber hinaus bietet der Einsatz von Wearables auch der Versicherungsbranche großes Potenzial zur Entwicklung neuer, maßgeschneiderter Angebote.

Vielversprechende Einsatzmöglichkeiten in Logistik und Fertigung

Mit dieser Technologie sind jedoch auch komplexe Reparaturen an Maschinen möglich, selbst wenn sich der Experte mit dem nötigen Fachwissen am anderen Ende der Welt aufhält – Stichwort „Internet of Things“. Smarte Minicomputer, die am Körper getragen werden, revolutionieren auch andere Wirtschaftszweige. So erprobte der Logistikanbieter DHL in einem holländischen Verteilzentrum „Smart Glasses“ mit Augmented Reality-Software. Die Lageristen, die bei der Kommissionierung alle Arbeitsschritte eingespielt bekamen, erzielten eine Effizienzsteigerung von 25 Prozent. In der Automobilindustrie werden Datenbrillen vermutlich schon bald in der Fertigung die bisher üblichen Handscanner ablösen.

Cebit-Konferenz zeigte Wearable-Trends aus dem Gesundheitswesen

Die neuesten Entwicklungen in diesem Bereich präsentierten renommierte Vertreter aus Forschung und Wirtschaft bei der von Euroforum und CeBIT gemeinsam organisierten Konferenz „Wearable Technologies & Digital Health“. „Smartwatches werden als neue Interaktionsplattform unseren Lebensstil verändern“, betonte der Wissenschaftliche Direktor am Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz in Kaiserslautern, Prof. Paul Lukowicz, während der Gesundheitswissenschaftler Rainer Beckers vom Zentrum für Telematik und Telemedizin (ZTG) die neuen therapeutischen Chancen hervorhob – beispielsweise für Herzkranke oder Diabetiker. Auch mit Sensoren bestückte Textilien (Smart Clothing) werden sich laut Lukowicz durchsetzen, wenn geeignete Stoffe für die Massenproduktion zur Verfügung stehen. In Kliniken können Ärzte künftig bei schwierigen Eingriffen zur Datenbrille greifen. Damit werden ihnen die Anweisungen eines per Livevideo zugeschalteten Spezialisten direkt ins Sichtfeld projiziert (Visual Remote Guidance).

Neue Konzepte zur Vernetzung mit externen Sensoren

In den nächsten Jahren wird eine Fülle neuer Wearables auf den Markt kommen. Besonders zukunftsträchtig sind Konzepte zur Vernetzung mit externen Sensoren. Einen ersten Eindruck geben die Smartwatches der neuesten Generation, mit denen man beispielsweise die Autotür öffnen oder die Temperatur im Wohnzimmer einstellen kann, bevor man nach Hause kommt. Mit solchen Anwendungen werden Wearables zum innovativen Bindeglied zwischen dem Menschen und dem „Internet der Dinge“. Entsprechend hoch sind die Umsatzerwartungen an die Technologie-Trendsetter. Die Marktanalysten von IDC rechnen damit, dass sich die Zahl der weltweit ausgelieferten Wearables bis 2019 mehr als verdoppeln wird – von 72,1 Millionen (2015) auf 155,7 Millionen Geräte. Für den Löwenanteil dieses immensen Zuwachses soll das Wristwear-Segment sorgen – also die Smartuhren von Samsung, Apple, LG und Co. Damit einhergehend sollen auch die Umsätze mit Halbleitern in Sensoren um durchschnittlich 10,4 Prozent pro Jahr zulegen und 2019 rund 14 Milliarden US-Dollar erreichen (Quelle: PwC-Analyse).

Großes Potenzial für vernetzte Elektronik in Unternehmen

Experten wie Werner Ballhaus, Partner und Leiter des Bereichs Technologie, Medien und Telekommunikation bei PwC, sehen gerade in Unternehmen ein großes Potenzial für vernetzte Elektronik wie Datenbrillen oder intelligente Uhren: „In Fabriken könnte man mit den Uhren die Arbeitsbelastung der Beschäftigten reduzieren und ihre Sicherheit optimieren. Krankenhäuser könnten sie für die Echtzeit-Kommunikation zwischen Ärzten und Krankenschwestern nutzen, Flughäfen oder Hotels für den Check-In. Diese Anwendungen stehen zwar noch am Anfang, aber in den nächsten Jahren werden wir eine rasche Ausweitung solcher Einsatzmöglichkeiten sehen.“

Wearable-Trends auf der Cebit 2016

Natürlich gehören Wearables und deren Einsatzmöglichkeiten auch zu den Themen der kommenden Cebit. Neue Produkte werden vor allem in der Global Sourcing Area erwartet – dem größten internationalen Marktplatz für professionelle Einkäufer von Devices, Komponenten und IT-Zubehör. Darüber hinaus wird der Einsatz von Wearables in diversen Anwenderbranchen wie Smart Health, Automotive und Logistics im neuen Schwerpunkt „IoT-Solutions“ zu sehen sein. Außerdem darf man schon jetzt auf die aufregenden Visionen oder marktreifen Konzepte führender Forschungseinrichtungen zum Thema Wearables im Bereich „Research & Innovation“ gespannt sein.

  • Bring your own Device: welche Gefahren bergen die Wearables der Mitarbeiter?
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Kommentare

Hier ist ein Link zu einer Studie zu smart glasses aus Sicht von Konsumenten - passt zu dem Artikel. Kurzum: Es muss sich noch einiges ändern (bspw. Design), bis Menschen bereit sind, diese zu kaufen:

http://www.philipprauschnabel.com/2015/11/download-free-us-smart-glasses...

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