Aus einem Guss: Impressionen von der PTC-Thingworx-Europa-Konferenz

Die Anwenderkonferenz „PTC Liveworx Europe 2015“ lockte vom 17. bis 18. November nach Angaben von PTC über 2.500 Besucher in das Kongresszentrum der Stuttgarter Messe. Dabei gab es einige überraschende Neuigkeiten – beispielsweise eine gemeinsame Lösung von PTC/Thingworx mit Bosch zum IoT (Internet of the Things). Von Jan Bihn

Der PLM-, -SLM- und Internet-der-Dinge-Anbieter PTC konnte zur Liveworx Europe zahlreiche Kunden sowie Software- und Systempartner wie Inneo, Nvidia, GE, Bosch oder Eplan nach Stuttgart bewegen. Und die meisten wirkten durchaus zufrieden. Gerade was das Thema IoT angeht, hat PTC in den letzten Jahren durch Zukäufe und intensive Beschäftigung mit den neuen Technologien ein ansehnliches Portfolio und Know-how aufgebaut, das mindestens unter den Konkurrenten im PLM-Umfeld als eigenständig bezeichnet werden kann. Das spiegelte sich auch in der diesjährigen Liveworx wider. Anders als im letzten Jahr wirkte IoT integrierter und mehr auf einer Linie mit den anderen Systemen des Konzerns (beispielsweise mit der neuen Windchill-Version 11 – die nun Funktionen für das Lifecycle-Management intelligenter, vernetzter Produkte integriert). Ob hier zusammenwächst, was zusammengehört, möge jeder für sich entscheiden – die Veranstaltung jedenfalls wirkte mit zahlreichen Anwendern und Beispielen aus der deutschen und internationalen Industrie und mit dem Auftritt der Formel-Eins-Legende David Coulthard wie aus einem Guss.

Windchill 11

Im Rahmen der Liveworx hat PTC eine neue Version der Product-Lifecycle-Management-Software Windchill vorgestellt. Version 11 soll insbesondere neue Möglichkeiten bei Konnektivität und Prozessverbesserungen im gesamten Produktlebenszyklus bringen. Erklärtes Ziel ist, die digitale mit der realen Welt besser zu verbinden. Ein wichtiges Thema ist dabei die Nutzung von Qualitätsdaten intelligenter, vernetzter Produkte im System-Engineering-Prozess. Denn ein umfassender Zugriff auf solche Daten, die die Produkte im Gebrauch beim Anwender liefern, sorgt für eine effizientere Zusammenarbeit und beschleunigt Entscheidungs- und Weiterentwicklungsprozesse. Damit überträgt PTC die aus der Softwareentwicklung bekannte Rückkopplung von Nutzungsdaten in die klassische Produktentwicklung.

Doch auch die Wermutstropfen verschweigt das Unternehmen nicht: „Intelligente, vernetzte Produkte sind die Zukunft. Sie sind aber per se schwerer zu konstruieren, zu fertigen und zu betreuen“, kommentiert Brian Shepherd, Executive Vice President, PLM bei PTC. „Während Produkte in der Vergangenheit isoliert betrieben wurden, sind sie jetzt Teil eines verknüpften Systems mit erweiterten Abhängigkeiten.“

Abhilfe schaffen soll hier auch Windchill 11. Weltweit nutzen über 1,5 Millionen Anwender Windchill für das Product Lifecycle Management. Ein hohes Potenzial also, wenn die Anwender die neuen Funktionen für smarte Produkte nutzen und damit ein Spektrum neuer Möglichkeiten für sich erschließen: neue Geschäftsmodelle, neue Dienstleistungsangebote und bessere Entwicklungs- und Konstruktionsentscheidungen. Um dieses Potenzial voll ausschöpfen zu können, benötigen die Unternehmen jedoch eine angepasste PLM-Strategie, die PLM auf Basis einer modernen IoT-Plattform neu interpretiert. PTC Windchill 11 verwendet dazu die Thingworx-Technologie, um Daten realer Produkte, webbasierter Quellen und aus Unternehmenssystemen zu integrieren. Auf diese Weise sollen sich nie dagewesene Zugriffsmöglichkeiten und Einblicke ergeben.

Verbesserte Stücklistenfunktionen

Dabei scheint PTC auch die ganz klassischen PLM-Anwender nicht ganz zu vernachlässigen (falls hier überhaupt noch eine Grenze gezogen werden kann, zwischen denen, die klassische Produkte und denen, die smarte Produkte entwickeln und konstruieren). Ein weiteres Thema in Windchill 11 adressiert die Entwicklung komplexer Produkte. Hier müssen unterschiedliche Disziplinen eng zusammenarbeiten. Änderungen in einem Bereich sind auch in allen anderen auszuführen und entsprechend zu berücksichtigen. Das erfordert ein umfassendes Stücklisten-Management, das sich über System-Modelle, Anforderungen, mechanische Konstruktion, Software, Dokumentation, Qualitätsplanung und Analyse bis hin zum Austausch von Produktinformationen zwischen Entwicklung, Fertigung und Service-Organisation erstreckt. PTC Windchill 11 bietet Funktionalitäten, die die bisherigen Möglichkeiten zur Verwaltung der gesamten Produktdefinition erweitern. So lässt sich eine teilezentrierte Stückliste aufbauen, die im gesamten Lebenszyklus verwendet wird. Jeder Akteur verfügt über die komplette Produktdefinition für genaue und verlässliche Entscheidungen.

PTC und Bosch schließen Partnerschaft

Die Bosch-Tochter Bosch Software Innovation und das PTC-Unternehmen Thingworx haben eine gemeinsame IoT-Lösung auf Basis von Thingworx und der Bosch IoT-Suite auf dem Schirm. Diese soll die branchenübergreifende Integration von intelligenten, vernetzten Produkten in Unternehmensprozesse ermöglichen. Die Zusammenarbeit beinhaltet die Integration der PTC-IoT-Entwicklungsplattform Thingworx und der Bosch IoT Suite. Bindeglied ist der neue „Bosch IoT Suite M2M-Konnektor für Thingworx“. Dieser ist ab sofort im Thingworx-Marketplace verfügbar. Die Technologiepartnerschaft adressiert drei Bereiche, die IoT-Entwickler bislang vor große Herausforderungen stellten: die Verbindung und die Steuerung heterogener Geräte und Anlagen, die kosteneffiziente und schnelle Entwicklung von IoT-Anwendungen selbst für komplexe IT-Landschaften sowie die einfache Anpassung dieser IoT-Lösungen an individuelle Bedürfnisse einzelner Unternehmen und Branchen.

Organisiert im Industrial Internet Consortium

Gemeinsam setzen PTC und Bosch beide Technologien bereits erfolgreich in dem „Track & Trace“-Testbed des Industrial Internet Consortium ein. Darin werden Funk-Akkuschrauber und Nietpistolen in der Produktion vernetzt und betrieben. Die „Track & Trace“-Anwendung erlaubt die Überwachung des Zustands aller Geräte im laufenden Betrieb. Mit Hilfe der erfassten Daten können Produktionsprozesse und die Werkzeugwartung optimiert werden. Auf Unregelmäßigkeiten oder drohende Ausfälle kann sofort reagiert und das jeweilige Gerät ausgetauscht werden.

Das „Track & Trace“-Testbed ist ein Beispiel für komplexe Produktionslandschaften, wie sie im Automobilsektor, in der Luftfahrt oder im Maschinen- und Anlagenbau häufig anzutreffen sind: heterogene Maschinen-, Geräte- und Prozesslandschaften müssen perfekt zusammenspielen. Die Kombination der beiden Plattformen Thingworx und Bosch IoT Suite in einer gemeinsamen Technologie-Architektur soll IoT-Entwicklern genau das Maß an Flexibilität bieten, das sie für die Vernetzung von heterogenen Geräten und Unternehmensprozessen benötigen.

Im Gegensatz zu alternativen Realisierungsmöglichkeiten – mittels Standardsoftware oder per Individualentwicklung – soll die Kooperationslösung deutlich passgenauer und kostengünstiger ausfallen. Die Partner versprechen, dass die Device-Management-Komponente (M2M) der Bosch IoT Suite eine zuverlässige Anbindung und Steuerung von Geräten sowie den Betrieb einer sicheren, flexiblen und transparenten Infrastruktur für verteilte Geräte ermöglicht. Anwendung findet hierbei der von Bosch Software Innovations initiierte und durch Eclipse IoT entwickelte offene Vorto-Standard, der über so genannte Informationsmodelle Geräte abstrahiert, standarisiert beschreibt und dadurch die einfache Integration von Geräten in unterschiedliche IoT-Plattformen erlaubt.

Die IoT-Anwendungsentwicklungsplattform Thingworx von PTC ermöglicht in dem Konzept Entwicklern und Fachabteilungen, schnell per Drag-and-Drop Geschäftsanwendungen für das IoT  zu entwickeln. Ein umfangreiches Sicherheitskonzept schützt diese Anwendungen vor unerlaubten Zugriffen.

Gemeinsame Strategie

Jim Heppelmann, Präsident und CEO von PTC: „Die Partnerschaft mit Bosch Software Innovations passt hervorragend zur Strategie beider Unternehmen. Sie vereint die weltweit besten Technologien für eine Neudefinition der Art und Weise der täglichen Arbeit und setzt ein starkes Signal für den IoT-Markt. Noch nie war es für Unternehmen so einfach, den Einstieg ins Internet der Dinge zu wagen, selbst wenn sie über gewachsene, komplexe IT-Umgebungen verfügen. Vielmehr werden die neuen Möglichkeiten Unternehmensprozesse entscheidend beeinflussen und optimieren.“

Rob Gremley, President Technology Platform Group bei PTC: „ThingWorx steht für eine übersichtliche und schnell anzuwendende Benutzeroberfläche sowie einfache Bedienfunktionen wie Drag & Drop. Das erleichtert die abteilungsübergreifende Entwicklung von Anwendungen selbst in komplexen Umgebungen, ohne dass das Unternehmen im Vorfeld IoT-Experten ausbilden muss. Wurde diese Komplexität mit der IoT-Plattform von Bosch Software Innovations einmal aufgelöst, nehmen wir mit unserem Rapid-Application-Development-Produkt die letzte Hürde vor der intelligenten, vernetzten Welt.“

Gerüchteküche: PTC Live Global und Liveworx verschmelzen

Im Zuge des Zusammenwachsens des Portfolios scheint PTC im kommenden Jahr auch die bis dato getrennten Anwenderkonferenzen LiveWorx (ehemals die Konferenz von Thingworx) und PTC Live Global (ehemals 2016 die Konferenz von PTC) zusammenzulegen. Im kommenden Jahr soll es im Juni eine gemeinsame Veranstaltung geben, die voraussichtlich PTC Liveworx 2016 heißen wird. Die Themen werden hier von der Produktentwicklung über den Service bis hin zu Internet-der-Dinge-Lösungen und Anwendungen reichen.

Fazit: Empfehlenswert

Eine gute, gleichermaßen unterhaltsame wie informative Veranstaltung, die auch für Anwender interessant sein könnte, die andere PLM- und CAD-Lösungen als die PTC-Produkte einsetzen. Wer Anregungen für den eigenen Eintritt in die IoT-Welt sucht, findet hier mindestens Ideen und Ansätze. Klar ist jedoch, dass aktuell viele Anbieter und Player trommeln, was Industrie 4.0 und IoT angeht, jeder muss für sein Unternehmen die Rechnung aufmachen, ob sich der Eintritt bereits lohnt. Anbieter wie PTC propagieren, dass die neue Technik umwälzend ist und deutliche Verschiebungen in den Branchen bringen könnte. Inwieweit dies auf alle oder eine bestimmte Branche zutrifft, ist jedoch nicht ganz klar, so dass jedes Unternehmen oder jeder Branchenverband sich selbst ein Bild machen sollte. Zumindest diese Analyse sollte nicht mehr länger aufgeschoben werden.

Die PTC Liveworx 2015 in Bildern

  • PTC-CEO James E. Heppelmann erklärt bei der Eröffnung der Konferenz dem voll besetzten Plenum, wie die realen und die digitalen Welten zusammenwachsen sollen.
  • Immense Investitionen: In den letzten Jahren war PTC auf Shopping-Tour in Sachen IoT und Big Data.
  • Plastisches Beispiel: National Instruments liefert die Messtechnik, Thingworx/PTC die IoT-Technik. Santa Cruz baut das ganze in ein Mountain-Bike. Der Erkenntnisgewinn für die Produktentwickler liegt auf der Hand.
  • Mit den Daten und dem digitalen Modell sind dann sehr einfach Augmented-Reality-Anwendungen umsetzbar. Bild: PTC
  • Was wir Hierzulande Smart Factory und Industrie 4.0 nennen, nennt GE Brilliant Factory und wieder ist PTC/Thingworx im Boot.
  • Ein ähnliches Konzept baut mit Bosch Software Innovation ein deutsches Unternehmen auf. So entstehen neue Geschäftsmodelle.
  • Dr.-Ing. Rainer Kallenbach, CEO, Bosch Software Innovations: „Die Technologie-Partnerschaft zwischen PTC und Bosch basiert auf einer langjährigen Beziehung beider Unternehmen. Sie hat das Potenzial, Einstiegsbarrieren ins Internet der Dinge für Kunden drastisch abzubauen. Sie vereint tiefe Kenntnisse im Produkt- und Service-Lebenszyklusmanagement mit führenden IoT-Softwareprodukten und einer großen Expertise im Vernetzen und Betreiben heterogener Geräte und Maschinen. Diese heterogenen Umgebungen, denen wir im Internet der Dinge meist begegnen, benötigen einen neuen, offenen Lösungsansatz. Der offene Vorto-Standard für die Definition von IoT-Schnittstellen, der von Eclipse IoT als führender Open Source-Community gesetzt wurde, ist daher eine optimale Grundlage dafür.“
  • Im Rahmen einer Pressekonferenz stellt Brian Shepherd Executive Vice President, Enterprise Segments bei PTC Windchill 11 vor und erklärt die neue Ausrichtung des PLM-Systems in Bezug auf smarte Produkte. Bild: PTC
  • Schematisch sieht das dann so aus. Bild: PTC
  • Die 2500 Besucher insgesamt verteilen sich nach dem Plenum auf zahlreiche Einzelsessions. Da kann es wie hier auch mal eng werden.
  • Ex-Formel-Eins-Pilot David Coulthard plaudert aus dem Nähkästchen ...
  • ... beispielsweise, dass er manchmal mehr Datenanalyst, denn Fahrer war und sich lieber auf seine eigenen Auswertungen verlassen hat.
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